Lesezeit 24 Min
Gesellschaft

Lebensgefährte Stress

Nur wer ihn gut kennt, wird mit ihm glücklich. Kann ihn zum eigenen Vorteil nutzen oder mal wegschicken – wie es unser Autor getan hat. Sechs Verabredungen, sechs Erkenntnisse 

Fun Way Illustration/shutterstock.com
von
Urs Willmann
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Gesellschaft

1. Der Tiger und ich

Stress war einmal unser Lebensretter. Wie machen wir ihn wieder dazu? 

Hätte ich heute noch eine Chance gegen den Säbelzahntiger? Reagiert mein Körper noch so, wie er es im Überlebenskampf der Wildnis tun müsste? In Sekundenschnelle müsste er sich in einen hoch konzentrierten Organismus verwandeln, bereit zu Flucht oder Attacke. Ob er das macht, werden mir die Messsonden verraten, die Nele Puschzian gerade um meine Finger- kuppen gebunden hat.

Sie messen die Leitfähigkeit meiner Hautoberfläche, zunächst in unaufgeregtem Zustand. Die Daten erscheinen auf dem Bildschirm als Zackenkurve. Elektroden am Nacken messen zusätzlich die Muskelspannung. Auf dem Monitor sind regelmäßige Ausschläge zu sehen: mein Herzschlag.

Nie mehr Stress? Vergessen Sie es. Die Evolution hat den Stress ja nicht erfunden, um uns zu ärgern, sondern um uns zu retten. Wir müssen schon mit ihm leben. Die Kunst ist, sich dabei nicht zu sehr auf die Nerven zu gehen 

Schon unerwartetes Klatschen versetzt mich in Alarmbereitschaft wie einst den Urmenschen, wenn der Tiger hinter dem Baum hervorgesprungen kam. Die Alternativen hießen damals: Kampf oder Flucht. Auf beides bereitet uns Stress optimal vor. Er aktiviert die Atmung und das Herz-Kreislauf-System, stellt Energie bereit. »In Stress geraten ist erst mal nicht das Problem«, sagt Puschzian. Doch oft sitzen in ihrem Raum Patienten, bei denen sich der Herzschlag im Diagramm nicht abzeichnet – weil bereits ihre Durchschnittserregung so hoch ist, dass die Signale im Impulsgewitter der verspannten Muskulatur verschwinden.

Solche Menschen sind im Dauerstress. Ihr Körper zeigt eine permanente Reaktion auf Umzingelung durch moderne Varianten des Tigers. Darüber sind sie gesundheitlich aus dem Lot geraten, zu Patienten mit Burn-out geworden. Denn die gute Reaktion, Lebensretterin der Urzeitmenschen, ist keine gute mehr, wenn sie immer da ist. In vielen Berufen ist Stress zum ständigen Begleiter geworden. Zum Lebensgefährten, mit dem man sich arrangieren muss. Die Hälfte der Bundesbürger klagt darüber, dass sie oft mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigen müssen (Multitasking). Dass sie unter Termin- und Leistungsdruck stehen. Dass sie Jobs erledigen, bei denen sie ständig gestört und unterbrochen werden. Die Folge: eine Zunahme von Kreislauferkrankungen, Autoimmunleiden, Depressionen, Demenzen. 

Plötzlich klatscht Nele Puschzian in die Hände. Sofort schlagen die Kurven aus. Offenbar ist Schweiß aus meinen Poren ausgetreten; er hat die Leitfähigkeit der Haut verdoppelt, der Strom fließt flotter als zuvor. »Da haben Sie schon Ihre natürliche Reaktion«, sagt die Verhaltenstherapeutin. Die Biofeedback-Apparatur hat körperliche Anspannung sichtbar gemacht. Sie zeigt: meine Stressreaktion. 

Die Schön-Klinik in Bad Bramstedt ist Deutschlands größte psychosomatische Fachklinik, spezialisiert auf die Behandlung von Krankheiten, an denen Körper und Seele in Abhängigkeit voneinander leiden. Ausgebrannte, Computersüchtige, Essgestörte kommen zur Therapie ins Holsteiner Auenland....

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Nr. 3/2014