Lesezeit 7 Min
Gesellschaft

Im Reich der Eltern

Auch wenn es schwerfällt, sollten Erwachsene immer wieder daran denken: Kinder sind nicht Personen der Zukunft, sondern Personen der Gegenwart

Diego Velázquez [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons
von
Henning Sußebach
Lesezeit 7 Min
Gesellschaft

Seltsam fühlt sie sich an, die Irritation, die uns erfasst, wenn wir diese Bilder sehen. Ist es, weil sie uns Unbekanntes vor Augen führen? Wohl eher, weil die Motive uns vertraut vorkommen. Mädchen im bürotauglichen Kostüm, Geschwister in Queen-Mum-Mänteln, ein Knirps im Anzug, konzentriert wie ein Vorstandsvorsitzender: Es ist, als habe die Fotografin Loretta Lux die Bilder irgendwo im Inneren unserer Gehirne aufgenommen, als habe sie dort einfach etwas abfotografiert, ganz tief hinten im Unbewussten und Verdrängten. Woher nur kennen wir diese Motive?

Von Diego Velázquez, dem spanischen Hofmaler, der vor fast 400 Jahren eine Reihe von Königskindern malte, verschraubt in Korsetts, versteift in Uniformen. Aus viel zu engen Kragen ragten ratlose Gesichter, ihr Ausdruck: ebenso ernst wie erstaunt. Die Kinder in Diego Velázquez’ Bildern, Prinzessinnen und Prinzen, schienen allesamt zu fragen, wo sie da nur hineingeraten waren. Nicht nur in beengendes Ornat nämlich, sondern in fest vorgeschriebene Rollen, die Gesellschaft und Eltern ihnen längst zugedacht hatten.

Das Wort »Eltern« ist es, das uns zu einer zweiten Suche zwingt. Die uns näher heranführt an die Irritation, das leichte Unwohlsein, das wir beim Betrachten der Bilder verspüren. Wenn wir erwachsen sind – und trotzdem ehrlich –, müssen wir womöglich eingestehen, dass die Jungen und Mädchen auf den Fotos uns auch an die eigenen Kinder erinnern. Wie sie dastehen, wie Sonntagsspaziergänger, das Haar…

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Nr. 3/2015