Lesezeit 24 Min
Gesellschaft

Das Rezept

Wie Sie beim Essen die richtigen Entscheidungen treffen – für Genuss mit gutem Gewissen.

anfisa focusova/shutterstock.com
von
Max Rauner
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Gesellschaft

Vor einigen Monaten mussten zwei Dutzend Entscheidungsforscher eine gemeinsame Entscheidung fällen und gerieten dabei in die Ökofalle. Es ging um die neue Kaffeemaschine. Die Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung waren gerade von Basel nach Berlin-Dahlem umgezogen. In der Schweiz hatten sie eine Nespresso-Maschine am Institut, das Kaffeesystem der Firma Nestlé. Jede Portion Kaffeepulver steckt in einer Aluminiumkapsel für 35 Cent, die Verkaufsläden sind wie Luxusboutiquen designt, und für die korrekte Aussprache der Sorten hilft ein Italienischkurs. Nestlé hat in der Schweiz ein Rücknahmesystem für gebrauchte Kapseln aufgebaut und behauptet, dass die Alukapseln die geringsten Umweltauswirkungen im Vergleich zu denen der Konkurrenz haben. In Basel waren die Entscheidungsforscher damit zufrieden, aber was würde bloß die Berliner Müllabfuhr mit den gebrauchten Alukapseln machen?

Michael Schulte-Mecklenbeck, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut (MPI) und ein Experte für individuelle Entscheidungsstrategien, erinnert sich gut daran, wie sie die Argumente für verschiedene Maschinentypen gegeneinander abwogen. Er stammt aus der Nähe von Salzburg, schätzt gutes Essen, liebt guten Kaffee. An einem heißen Tag im Juni sitzt er in seinem kleinen Büro, reicht einen Espresso und erzählt von der Kaffeemaschinendebatte. Er sagt: "Der Umweltaspekt hat so einen bitteren Nachgeschmack."

MAX RAUNER

(@maxrauner auf Twitter) war überrascht, dass die Kantine des Max-Planck- Instituts noch nicht mit dem Wissen der Heuristikforschung umgestaltet wurde. Nicht so einfach, sagten die Forscher, die Kantine betreibe ein Dienstleister. Aber die Idee sei gut.

Tragen Nespresso-Trinker in Berlin-Dahlem überdurchschnittlich zur globalen Erwärmung bei? Jeder Kapsel-Kaffee erhöht Deutschlands Treibhausgasbilanz um 40 Gramm CO₂, hat das Freiburger Öko-Institut errechnet. Und was ist mit dem Wasserverbrauch? 140 Liter werden irgendwo auf der Welt dem Kreislauf entzogen, um hierzulande eine Tasse Kaffee zu brühen: zum Bewässern der Pflanzen, Waschen und Einweichen der Bohnen. Müssen afrikanische Kinder dreckiges Wasser trinken, weil Max-Planck-Forscher die falsche Maschine besitzen? Die Wissenschaftler waren ratlos, aber sicherheitshalber wollten sie auf ein anderes System umsteigen. Nur auf welches? Schulte-Mecklenbeck sagt: "Gruppenentscheidungen sind sehr kompliziert."

In etlichen Sitzungen diskutierten die Forscher über Alukapseln, Filterkaffee, Kaffeepads, Recycling, Kaffeebohnen und Röstereien, ph-Werte und Fair-Trade-Kaffee. Es ging um Gerechtigkeit und die Umwelt, um Gesundheit und Geschmack. Es ging mal wieder um das gute Leben.

Man will sich gesund ernähren, soll nebenbei den Klimawandel aufhalten, Tiere schützen, die Umwelt schonen und die Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern verbessern, das Ganze bitte nicht zu teuer. Doch wer beim T-Shirt-Kauf zu geizig ist, trägt womöglich eine Mitschuld am Zusammensturz einer Fabrik in Bangladesch. Wer Biosprit tankt, hat vielleicht ein paar...

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Nr. 5/2014