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Verbrechen

Verkauft, verzockt, verschoben?

Wettmanipulationen im Tennis werden ein immer größeres Problem: Kein Sport eignet sich besser für kriminelle Machenschaften. Die Verbände wollen die Korruption mit eigenen Mitteln bekämpfen. Doch das scheint so gut wie aussichtslos

Alexander Dashewsky / shutterstock.com
von
Tim Böseler
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Verbrechen

Wenn die Anti-Korruptions-Einheit einer Sportart sich vor einem Parlamentsausschuss der britischen Regierung zu verantworten hat, dann dürfte jedem klar sein, dass es Probleme für sie gibt. Massive Probleme sogar. Damian Collins, konservativer Abgeordneter im britischen Parlament und Vorsitzender des Ausschusses für Kultur, Medien und Sport, lud im Februar den Chef der „Tennis Integrity Unit“ (TIU), Nigel Willerton, zu einem dringenden Gespräch vor. Die TIU, mit Sitz in London, soll Korruption im Tennis, vor allem im Zusammenhang mit Wettmanipulationen, aufdecken. Collins hat sich auf die Fahnen geschrieben, Korruption im gesamten britischen Sport zu bekämpfen. Tennis allerdings befand sich bislang nicht besonders weit oben auf der Prioritätenliste. Aber seit dem Beginn der Australian Open 2016 wurde die Reihenfolge seiner Liste stark durcheinander gewirbelt.

Kurz vor dem Turnierstart in Melbourne hatten die BBC und das Onlinemedium BuzzFeed zeitgleich veröffentlicht, dass in den zurückliegenden zehn Jahren 16 Profis, die unter den Top 50 standen oder noch stehen, in Wettmanipulationen verwickelt sein sollen. Grundlage der Enthüllungen sind Dokumente eines Whistleblowers, wonach 72 Matches möglicherweise manipuliert wurden. Was den Behauptungen besondere Durchschlagskraft verlieh: Angeblich ist unter den verdächtigen Profis auch ein Grand Slam-Sieger. Und: Sogar ein Match in Wimbledon soll verschoben worden sein. Die explosiven Inhalte der Berichterstattung wurden in aller Welt zitiert. „Wettskandal im Tennis“ – die Nachricht verbreitete sich in Windeseile über den ganzen Globus. Allerdings: richtige Beweise fehlten, genauso wie die Namen der Profis. Die Basis der Anschuldigungen sind Indizien, wie etwa auffällige Quotenverläufe bei den unter Manipulationsverdacht stehenden Partien.

Wenig Eifer der Korruptionsjäger

Die „Tennis Integrity Unit“ nun, eine von den Tennisverbänden und den vier Grand Slam-Turnieren 2008 gegründete Antikorruptions-Agentur, soll diese Verdachtsfälle eigentlich prüfen. BBC und BuzzFeed aber behaupten, die TIU hätte bewusst Beweise für manipulierte Matches unterdrückt. So soll ihr Whistleblower die TIU öfter auf verdächtige Profis hingewiesen haben, aber es geschah nichts. Ein anonymer Insider wird mit den Worten zitiert: „Die TIU ist wie eine Blackbox, in die alle Informationen reingehen, aus der aber…

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Nr. 4/2016