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Sport

„Tennis ist ein schlafender Riese“

Im Interview spricht Michael Stich über seinen Ärger über die ATP, die Zukunft von Hamburg, die Übermacht des Fußballs, altbackene Tennisvereine und einen ausbleibenden Boom trotz Angie Kerber

FRANK MOLTER
von
Andrej Antic
und
Carli Underberg
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Ein sonniger Morgen in Hamburg. Der Turnierchef kommt leicht verspätet und tupft sich noch den Schweiß mit einem Handtuch ab – er war joggen um die Außenalster. Es ist der Finaltag der German Open, die in diesem Jahr von Spielerabsagen und schlechtem Wetter arg gebeutelt waren. Stich präsentiert sich trotzdem gut gelaunt. 45 Minuten nimmt er sich Zeit für den Termin mit tennis MAGAZIN. Anschließend geht er in die Abschlusspressekonferenz seines Turniers.

Herr Stich, 25 Jahre nach Ihrem Wimbledon-Triumph über Boris Becker verpasste Angelique Kerber den ersten deutschen Wimbledonsieg seit Steffi Graf 1996 nur knapp. Wird ihr Finaleinzug dennoch für einen Tennis-Aufschwung sorgen?

Das, was Angie in diesem Jahr erreicht hat, den Australian Open-Titel, das Wimbledon-Endspiel, wird definitiv dafür sorgen, dass es mehr Interesse an unserer Sportart gibt. Aber damit hat man langfristig noch nichts gewonnen. Wir müssen an der Basis anfangen, die Tennisclubs müssen sich hinterfragen, wie sie sich verjüngen und modernisieren können.

Was meinen Sie damit konkret?

Ich nehme meinen Club (Lawn-Tennis-Club Elmshorn; Anm. d. Red.) als Beispiel. Mein Vater wurde neulich für 50 Jahre Mitgliedschaft geehrt und als ich dort hineinkomme, sieht das Clubhaus noch so aus wie vor 35 Jahren. Das ist keine Kritik, aber es gibt ganz viele Vereine in Deutschland, bei denen man sagen muss: Da gehen keine jungen Menschen mehr hin. Vielleicht ist es nur eine Frage der Gestaltung. Aber das Ziel muss doch sein, dass Jugendliche sagen: Da will ich meinen 18. Geburtstag feiern. Man muss ein Umfeld für die Jugend schaffen, dass sie sagen: „Das ist cool, das macht Spaß, hier zu sein und Zeit zu verbringen.“ Tennisclubs müssen eine Atmosphäre kreieren, dass man länger bleiben will als nur für 60 Minuten, in denen man ein paar Bälle schlägt.

Nach dem Motto „back to the roots“?

Dass wir in der Spitze sportlich erfolgreich sind, ist wichtig. In erster Linie muss aber die Basis an sich arbeiten, sich verjüngen und auch mal Risiken eingehen. Diese Achse müssen wir wieder herstellen. Denn von einem bin ich überzeugt.

Nämlich?

Tennis ist immer noch ein schlafender Riese, weil es ein absoluter Volksport ist.

Davon spürt man bei der Zuschauerresonanz im TV nur leider relativ wenig.

Wie viele Menschen haben bei Michael Schumacher Formel 1 geguckt? Zwölf Millionen? Wie viele gucken heute zu? Ist es deshalb ein Nischensport? Ich finde die Diskussion so mühsam. Egal, welche Sportart es ist:…

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Nr. 9/2016