Lesezeit 15 Min
Wirtschaft

Mut zur Verschwendung

Die Digitalisierung krempelt nicht nur die Arbeitswelt um. Sie soll die ganze Welt effizienter machen. Aber der Fetisch der Optimierung frisst unsere Fähigkeit, Probleme zu lösen.

TECHNOLOGY REVIEW
von
Wolfgang Stieler
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Wirtschaft

Es soll bei Toyota immer noch Manager geben, die beim Anblick eines Kreidestücks zusammenzucken. Die Kreide war die Waffe von Taiichi Ohno – einem Mann, der aussah wie ein Buchhalter, aber die Welt der Produktion aus den Angeln gehoben hat. Mit einem Stück Kreide und einer klaren Mission: Kampf der Verschwendung.

„Gemba“ nennen die Japaner den „Ort des Geschehens“. Da, wo die wichtigen Dinge passieren. An Gemba in der Produktionshalle soll Ohno, der Erfinder der „Lean Production“, regelmäßig Kreise aus Kreide gezogen haben. In den Kreis musste sich ein Manager stellen, der nicht effizient genug war. Die Aufgabe: 30 Minuten in diesem Kreis stehen und genau hinsehen. Dabei sollte der betreffende 30 Punkte finden, die man verbessern kann – und die Lösung für den ersten Punkt schon mal skizzieren.

„Muda“, Verschwendung, zeigte sich für Ohno in sieben Facetten: Überproduktion, zu hohe Bestände, Wartezeit, Transport, unnötige Bewegung, schlechte Bearbeitung und unnötige Nacharbeit. „Kosten sind nicht dazu da, um berechnet zu werden“, predigte Ohno. „Kosten sind dazu da, um reduziert zu werden.“ Effizienz war sein oberstes Ziel, Daten seine Waffe – lange bevor Big Data in aller Munde war. Alles, was sich zählen und messen lässt, kann man vergleichen. Alles, was man vergleichen kann, kann man optimieren.

Eric Schmidt braucht keine Kreide, der ehemalige Google-Chef kann auf die mächtigste IT-Infrastruktur der Welt zugreifen. Aber seine Mission ist der von Ohno verblüffend ähnlich: die Welt effizienter zu machen. In seinem zusammen mit Jared Cohen entwickelten Zukunftsszenario „Die Vernetzung der Welt“ umreißt Schmidt gleich zu Beginn das zentrale Thema: „Die neuen virtuellen Handlungsspielräume sorgen dafür, dass vieles in der physischen Welt effizienter wird“, schreiben die Autoren. „Wenn die digitale Vernetzung die entlegenen Winkel der Erde erreicht, werden immer neue Nutzer zahlreiche ineffiziente Märkte, Systeme und Vorgehensweisen optimieren können, in den reichsten Ländern genauso wie in den ärmsten. Das Resultat sind erhebliche Effizienz- und…

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Nr. 12/2016