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Technik

Heiße Zwerge

Das Megaprojekt ITER verspricht seit Jahrzehnten vergeblich billigen und sauberen Strom aus der Kernfusion. Private Unternehmen wollen dieses Versprechen nun endlich einlösen. Ist das Größenwahn oder ein Triumph der Innovatoren über die Forschungsbürokratie?

ELKE BOCK / LAIF
von
Wolfgang Stieler
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Technik

Very British – irgendein Spaßvogel hat einen kleinen Union Jack oben auf das ST25 gepflanzt. Die bullige Apparatur, die auf einem achteckigen Holzpodest kauert, könnte auch eine viktorianische Zeitmaschine sein – gut gesichert in ihrem Drahtkäfig mit zwei Spezialschlössern.

Alan Sykes, technischer Direktor von Tokamak Energy, klickt ein paar Schaltflächen auf der Steuerkonsole an, Warnleuchten blinken, dann ist in einem Bullauge kurz ein leuchtendes Flackern zu sehen – rosa, mit einem Hauch Magenta. Das war’s? Das soll die Zukunft der Energieversorgung sein? „Ja“, bestätigt David Kingham, Geschäftsführer des Unternehmens, „wir wollen in spätestens zehn Jahren Strom aus Fusionsenergie produzieren.“ Mit kleinen, modularen Reaktoren, so ähnlich wie der hier im Labor.

Fusionsenergie? Ist das nicht dieses ewige Versprechen auf eine schier unerschöpfliche Energiequelle, dem Hunderte Forscher im französischen Cadarache nachjagen? Der Forschungsreaktor ITER wird frühestens 2023 fertig – und es vergehen mindestens noch weitere acht Jahre, bis die erste Fusion gezündet wird. Der ITER wird ein dreißig Meter hohes, Tausende von Tonnen schweres Gebilde, dessen Bau voraussichtlich 15 bis 20 Milliarden Euro kosten wird.

Und nun will ein Start-up aus Milton Park in der Nähe von Oxford es schneller schaffen? Mit einem Gerät, das aussieht wie aus der Bastlerwerkstatt? Um einen ringförmigen Wulst aus glänzendem Edelstahl wickeln sich vier nahezu armdicke Stahlreifen von gut anderthalb Metern Durchmesser. Diese wiederum umschließen dicke, blau isolierte Kabel. Bullaugen öffnen den Blick ins Innere, gesichert mit dicken Bolzenschrauben und Drahtgeflecht. Auf der Ober- und Unterseite schließen Kupferspulen das Gebilde ab. Das soll also besser sein als ITER?

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Dinosaurier der Großforschung? Eine ganze Reihe von Unternehmen wollen Fusionsenergie in kleinen, kompakten Reaktoren erzeugen. Riesige Anlagen
wie der Joint European Torus (JET) im britischen Culham wären damit überflüssig.

Der Herausforderer

Wie eine kleine Firma den Fusionswettlauf mit dem Milliardenprojekt ITER aufnimmt.

„Wissenschaft ist immer ein ungewisses Unterfangen“, sagt Kingham und lächelt. „Aber wir sind sehr zuversichtlich.“ Mit seinem ehrgeizigen Zeitplan ist…

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Nr. 11/2015