Lesezeit 18 Min
Technik

Gute Arbeit, schlechte Arbeit

Seit Jahren streiten sich Experten, ob künstliche Intelligenz mehr Arbeitsplätze vernichtet als schafft. Dabei ist das eigentliche Thema nicht die Zahl der Jobs, sondern die Bedingungen, unter denen Menschen künftig arbeiten werden.

GABRIELE HEINZEL
von
Frithjof Zeumli
und
Robert Thielicke
Lesezeit 18 Min
Technik

Mit dem Wort „Digitalisierung“ hätte John Maynard Keynes nichts an - fangen können. Siri und Cortana, Watson und Alexa, der putzige Pepper und der robuste Baxter – all die Bots und Roboter, denen wir so gern menschliche Spitznamen geben, waren unvorstellbar, als der Wirtschaftsgelehrte 1930 seinen Essay „Economic Possibilities for our Grandchildren“ schrieb. Nicht einmal Grundlagenforscher arbeiteten damals an Computern, Chips oder künstlicher Intelligenz (KI). Doch Keynes hatte im wahrsten Sinn des Wortes Ahnung von dem, was heutzutage die Menschen in den Industrienationen umtreibt: Automatisierung und Robotik. Der Brite sah, wie die Produktivität in den Fabriken stieg, prophezeite der Landwirtschaft eine ähnliche Entwicklung und kam zu dem Schluss, in 100 Jahren dürften 15 Stunden pro Woche reichen, um all das zu tun, was Maschinen nicht erledigen können. Nach drei Stunden hätte der Durchschnittsmensch Feierabend und könnte edleren Tätigkeiten nachgehen, als schnödem Mammon nachzujagen.

Zumindest bis hierhin liest sich das Gedankenspiel des linksliberalen Ökonomen erstaunlich aktuell. Bereits heute gibt es Sparkassenfilialen, an deren Schaltern nur noch dienstags und donnerstags Menschen sitzen, und das auch bloß als Zugeständnis an die wenigen verbliebenen „

tr12-53.jpg

Nonliner“, zumeist Kundinnen aus dem benachbarten Seniorenheim. Allerdings haben diese Angestellten nicht bei vollem Gehalt den Rest der Woche frei, sondern arbeiten dann in anderen Zweigstellen oder im Büro. Anders als in Keynes’ rosiger Utopie hat technischer Fortschritt der Menschheit nicht so viel Wohlstand beschert, dass Geldverdienen bis 2030 zur Nebensache werden dürfte. Innovation führte eben nicht nur zu Rationalisierung, sondern schuf gleichzeitig neue Märkte und Millionen Jobs – jedenfalls in den erfolgreichen, exportstarken Volkswirtschaften Europas und Asiens. Deutschland kann als gutes Beispiel dienen: In den 20 Jahren nach der Wende fielen zwar 3,8 Millionen Industriejobs weg – weit mehr als die Gesamtbelegschaft sämtlicher volkseigenen Fertigungsstätten beim Zusammenbruch der DDR. Im Gegenzug entstanden jedoch fast neun Millionen Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor. Seit 2011 steigt sogar die Beschäftigtenzahl in der Produktion wieder: Sie liegt jetzt bei 10,6 Millionen, mehr als eine halbe Million über dem vor sieben Jahren erreichten historischen Tiefststand. Dieses Jahr könnte die…

Jetzt weiterlesen für 0,59 €
Nr. 12/2017