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Die nächste große Gen-Debatte

Der US-Agrochemiekonzern Monsanto will Pflanzen per RNA-Sprays resistent machen gegen Pflanzenschutzmittel oder Insektenbefall, ohne ihre Gene selbst zu verändern. Die Methode schaltet Gene indirekt ab. Wie wirksam und sicher ist sie?

LAURIE ROLLITT
von
Antonio Regalado
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Der Kartoffelkäfer ist ein unersättlicher Vielfraß. Er zerlegt zehn Quadratzentimeter Blatt pro Tag und kann komplette Pflanzen entlauben. Doch die Käfer in Monsantos Laboren nahe St. Louis, die sich durch eine leuchtend grüne und sorgfältig mit einem Netz bedeckte Pflanze futtern, sind dem Untergang geweiht. „Ich bin ziemlich sicher, dass 99 Prozent von ihnen bald tot sein werden“, sagt Jodi Beattie, eine Monsanto-Forscherin. Der Grund ist ein RNA-Molekül, die Arbeitskopie eines Genabschnitts auf der DNA. Mit ihm besprühten die Forscher die Pflanzen. Was zunächst harmlos klingt, hat es in Wahrheit in sich: Die Erbgutkopie löst in den Käfern einen Mechanismus namens RNA-Interferenz (RNAi) aus. Er deaktiviert vorübergehend ausgewählte Gene: In diesem Fall schalteten die Forscher eins ab, das für die Käfer lebenswichtig ist.

Der Reiz solcher Sprays – Monsanto nennt sie BioDirect – liegt darin, die Gene einer Pflanze zu beeinflussen, ohne das Genom direkt zu verändern und zulassungspflichtige gentechnisch veränderte Organismen zu erzeugen. Monsanto hofft, auf diese Weise den Kontroversen um GM-Pflanzen zu entgehen. Denn RNA-Moleküle finden sich überall in der Nahrung, ihr Verzehr gilt bisher für Menschen als nicht giftiger als ein Glas Orangensaft. Die Sprays lassen sich darüber hinaus je nach Bedarf schnell zuschneiden: auf einen Insektenbefall oder eine neue Art von Virus. Sie sollen präzise genug sein, um nur Kartoffelkäfer zu töten, nicht aber etwa Marienkäfer…

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Nr. 10/2015