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Technik

»Die Datengrundlage ist längst nicht so gut wie behauptet«

Der Mathematiker Gerd Antes kritisiert den Ansatz der Präzisionsmedizin gleich auf mehreren Ebenen: medizinisch, methodisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich.

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von
Veronika Szentpétery-Kessler
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TR: Durch die personalisierte Medizin sollen Patienten nur die Behandlung erhalten, die ihnen wirklich hilft. Was ist daran falsch?

Gerd Antes: Dass Patienten nur erhalten, was ihnen auch wirklich hilft, ist seit jeher oberstes Ziel der Medizin. Die Realisierung ist jedoch oft weit davon entfernt. Präzisionsmedizin kann in der Tat zu behandelnde Patienten schärfer eingrenzen und damit erfolglose Therapieversuche reduzieren. Dazu gibt es ein paar beeindruckende Erfolge. So werden die Überlebenszeiten beim Melanom oder nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom enorm verbessert. Doch das sind Ausnahmen. Die grundsätzlich positive Entwicklung wird überlagert von einem Hype um Big Data, Digitalisierung und Maschinenlernen, die vor allem leere Versprechungen, Fehlinvestitionen und Irrwege erzeugen und zwangsläufig bei großer Ernüchterung enden werden. Denn Diagnosen sind oft falsch, Behandlungen schlagen nicht an oder schaden sogar. Big Data kann zwar neue Ideen erzeugen, jedoch nicht diese unvermeidlichen Fehler ausmerzen. Denn dass leistungsfähigere Rechner, mehr Daten und maschinelles Lernen nun schlagartig zu 100 Prozent Nutzen führen sollen, entbehrt jeder theoretischen, logischen und empirischen Grundlage.

Zur Person

Gerd Antes (68) ist…

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Nr. 12/2017