Lesezeit 17 Min
Wirtschaft

Öko-Ökonomie

Nur wenige deutsche Firmen erproben konsequent, wie eine nachhaltige Wirtschaft aussehen könnte. Besuche bei zwei Vorreitern.

PATRICK TOMBOLA / SPIEGEL WISSEN
von
Marc Winkelmann
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Wirtschaft

0105 Jahre ist Ritter Sport inzwischen alt, man kann sagen, dass das Unternehmen viel Erfahrung darin hat, Schokolade herzustellen. Das hilft Andreas Ronken momentan aber wenig. Der Firmenchef muss gerade ein paar neue Lektionen lernen.

Er sitzt in seinem gläsernen Büro, mit Jeans und strahlend weißen Turnschuhen, und erzählt von seiner letzten Reise nach Nicaragua vor ein paar Wochen. Dort hat Ritter Sport Weideland gekauft, 2500 Hektar, um eine eigene Plantage zu errichten. Das schwäbische Familienunternehmen, das seine Rohstoffe bisher stets von anderen bezog, will unter die Kakaobauern gehen. Das bereitet Ronken Probleme.

Erst, so sagt er, fehlten Straßen und Brücken. Also bauten sie selbst welche, 70 Kilometer insgesamt. Dann hatten sie starke Überschwemmungen, und es mussten Drainagen her. Danach blieb der Regen aus. Was für die anspruchsvollen Kakaobäume, die viel Pflege brauchen, ebenfalls nicht ideal war. Und überhaupt die Bäume: 1,5 Millionen Stück mussten sie ziehen und pflanzen, den richtigen pH-Wert für die Böden finden und anfangen, Kompost selbst zu machen.

Alles Neuland, so Ronken, der Ritter Sport seit 2015 führt. "Eigentlich dachte ich, dass wir viel über Kakao wissen. Mit diesen Schwierigkeiten hatte ich nicht gerechnet." Jährlich fünf Millionen Euro investiert das Unternehmen in nachhaltigen Kakaoanbau. Ende 2017, vielleicht Anfang 2018 soll die neue Plantage nun ihre erste Ernte abwerfen. Aufgeben sei aber nie eine Option gewesen, so der Firmenchef, schließlich habe das Projekt große strategische Bedeutung, die Ware soll ja ökologisch produziert werden. Ein Drittel seines jährlichen Kakaobedarfs will das Unternehmen, das 1450 Mitarbeiter beschäftigt und 470 Millionen Euro im Jahr umsetzt, darüber einmal abdecken.

Nachhaltigkeit als Lebensversicherung. Bei Ritter Sport hält man diesen Weg trotz aller Hürden für alternativlos. Typisch für die deutsche Wirtschaft ist das nicht. Zwar sind grüne Themen allgegenwärtig. Fast täglich werden neue Unternehmen gegründet, um gesellschaftliche Probleme zu lösen; kleine und mittlere Firmen schrauben Solarpanele auf ihre Fabriken und produzieren mit erneuerbarer Energie; es wächst die Zahl der Konzerne, die Abteilungen für "Corporate Social Responsibility" (CSR) auf- und ausbauen. Auch verkünden Manager beim…

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Nr. 2/2017