Lesezeit 11 Min
Gesellschaft

Müßiggang 3.0

Der britische Exzentriker Tom Hodgkinson hat aus dem Nichtstun eine Karriere gemacht.

THOMAS BALL / SPIEGEL WISSEN
von
Bettina Musall
Lesezeit 11 Min
Gesellschaft

In den Bonbonfelsenbergen liegt ein Land, in dem der Frohsinn ganz buchstäblich blüht und die geistigen Getränke sprudeln, in dem man nie die Socken wechseln muss, Hühner weich gekochte Eier legen und man den ganzen Tag schlafen kann. Ein ganz wunderbares Land, wie Tom Hodgkinson findet.

Mit der Ukulele in der Hand steht er auf der Bühne und singt inbrünstig von den "Big Rock Candy Mountains". Wie ein halbwüchsiger Junge sieht der 48-Jährige aus, Typ Cliff Richards, in weißen Retrosneakers, das blau karierte Hemd über der Jeans. Eben noch lag er hinter der Bühne und schlief, jetzt trägt er vor einem Publikum, das überwiegend aus Damen in Fairtrade-Kleidung besteht, sein Loblied auf das paradiesische Leben vor. Das Literaturfestival im südenglischen Swindon hat ihn eingeladen, über die Kunst des Müßiggangs zu dozieren. Es gibt kaum einen größeren Experten. "Wir streben alle danach, nichts zu tun", davon ist Hodgkinson überzeugt.

Er hat aus dem Müßiggang einen Beruf gemacht, besser gesagt: ein Lebenskunstwerk. Denn das Projekt sieht mehr nach opulentem Daseinszweck als nach bezahlter Arbeit aus. "The Idler", der Müßiggänger, heißt der bunte Mischkonzern, in dem der Literaturwissenschaftler und Autor mit viel Gespür für Kultur, Humor und Sinnstiftung das gepflegte Nichtstun feiert.

Das gedruckte "Idler"-Magazin tritt mit Interviews, Gedichten, Kurzgeschichten und Cartoons für die Überzeugung ein, dass der Mensch, besonders der moderne, nur entspannt und glückhaft existieren kann, wenn er sein Leben ruhig angehen lässt – anstatt…

Jetzt weiterlesen für 0,90 €
Nr. 3/2016