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Leckerschmecker

Der Geschmack ist das Stiefkind unter den Sinnesorganen. Dabei macht er uns, so glaubt der Neurobiologe Gordon Shepherd, erst wirklich zum Menschen.

NORMAN KONRAD / SPIEGEL WISSEN
von
Johann Grolle
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Den Sieg errang diesmal ein Cabernet Sauvignon aus dem kalifornischen Napa Valley. Die Verkoster der Zeitschrift "Wine Spectator" kürten ihn zum besten Wein des Jahres 2016. Sie lobten die "eleganten Schichten aus Pflaume, Brombeere und Johannisbeere". Vor allem aber überzeugte sie der "Hauch von Lakritz, der anmutig und rein im Nachgeschmack verharrt".

Willkommen im Reich des Geschmacks: Geradezu verzweifelt ringen die Weintester darum, Sinneserlebnisse in Worte zu fassen, die sich der Sprache hartnäckig widersetzen. Die Experten sprechen von "geschliffener Säure" und "mineralischem Fundament", doch so sehr sie auch die Kunst der Geschmacksbeschreibung verfeinert haben, versagt gleichwohl jeder Versuch, das Wesen eines Weins unverwechselbar wiederzugeben.

Es ist eigenartig: Zwar treibt der Mensch großen Aufwand, um sein Essen möglichst geschmackvoll zu gestalten. Rezeptbücher zählen zu den Bestsellern auf dem Buchmarkt, im Fernsehen boomen die Kochshows, ein ganzer Industriezweig lebt davon, der Kundschaft immer neue Geschmackserlebnisse zu bescheren. Und doch ist der Gaumen, gemessen an Auge und Ohr, nur das Stiefkind unter den Sinnesorganen. Was den Geschmack betrifft, fehlen uns die richtigen Worte. Und vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass auch die Wissenschaft diesem Sinn bisher erstaunlich wenig Beachtung geschenkt hat. Während sich große

Forschungskongresse mit der Physiologie des Sehens und Hörens befassen…

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Nr. 1/2017