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Wissen

Grüne Welle

Immer mehr Menschen in Deutschland bauen eigenes Essen an: Selbstversorgung ist in, auf dem Land wie in den Städten.

DAVID CARREÑO HANSEN / SPIEGEL WISSEN
von
Silvia Dahlkamp
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Die Tomaten der Versuchung waren nicht nur rot. Sie waren knallrot, lippenstiftrot, zum Reinbeißen rot. Sie hingen an zarten Rispen, grün, mit feinen Härchen, und dufteten so würzig, so frisch. Dabei fiel draußen Schnee. Egal. In diesem Supermarkt waren Frühling, Sommer, Herbst und Winter sowieso nur eine Frage der Sortierung: Unter blanken Spiegeln türmten sich Gurken, sonnten sich Radieschen, glänzten Paprika. Und über den Salaten schwebte ein künstlicher Nebel, der sich auf die Lollo-Rosso-Blätter setzte und abperlte wie Tau.

Ein Gemüseparadies. Beatrice Wunsch, 30, hat mit sich gerungen: Ich kaufe. Ich kaufe nicht. So rot. So verlockend. Beatrice Wunsch ist Psychologin. Sie weiß, was die Supermärkte mit der Inszenierung ihrer Ware machen, ist pure Psychologie. Und dennoch. Vielleicht hätte sie zugegriffen, wenn die Werbung auf den Papiertüten nicht gewesen wäre: "Natürlich" stand da in großen Buchstaben. Da ist ihr der Appetit vergangen. Denn wenn eines nicht natürlich ist, dann eine Tomate im Winter. Und auch nicht andere Gemüsesorten, die aus beheizten Treibhäusern kommen und schon Tausende Kilometer hinter sich haben, bevor eine Verkäuferin sie auf Jute in der Gemüseabteilung drapiert.

Jetzt ist Wunsch wieder zu Hause und erzählt von ihren Abenteuern in der Großstadt: "Fast hätte ich Klimakiller gegessen." Sie kann es selbst nicht begreifen. Auf dem Tisch steht ein Rohkostsalat: Kürbis, Rote Bete, Kohlrabi, Karotte – frisch aus dem Keller. Den isst man im Winter in Sieben Linden, einem Ökodorf in Sachsen-Anhalt. Die 150 Einwohner versorgen sich selbst, und wenn es draußen friert, gibt es vor allem eines: Kohl.

Süße, saftige, lippenstiftrote Tomaten gibt es erst wieder im Sommer.

Auf Luxus verzichten,…

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Nr. 1/2017