Lesezeit 9 Min
Wissen

Goethe? Kästner! Lenz!

Welche Arznei soll ein Mensch nehmen, den der Lebensekel gepackt hat? Oder einer, den die Einsamkeit quält? Eine verblüffende Antwort: Bücher.

Nikolas Otto / shutterstock.com
von
Barbara Supp
Lesezeit 9 Min
Wissen

Es gibt tiefes Lesen und anderes; was Hamilkar Schaß tat, im masurischen Hinterland, war ziemlich tief. Er hatte sich gerade das Lesen beigebracht, Hamilkar Schaß, ein Großväterchen, und es war Krieg und Hamilkar Schaß stand Posten und fand etwas zu lesen und las. Und die Gefahr stapfte heran in Gestalt von General Wawrila, der nach Fusel stank und auf ein Großväterchen traf, das sich nicht für ihn interessierte. Er bot an, es aufzublasen wie einen Frosch. Wurde wütend. Zog dem Großväterchen eine über,

und dann fühlte er sich
bemüßigt, so zu sprechen:
„Ich werde dich jetzt,

 
du alte Eidechse, halbieren.
Aber ganz langsam.“
„Eine Seite nur noch“, sagte
Hamilkar Schaß. „Es sind,
bei Gottchen, nicht mehr als
fünfunddreißig Zeilen.
Dann ist das Kapitelchen
zuende.“

Und die Gefahr, in Gestalt von General Wawrila, wurde beinahe nüchtern vor Schreck über diese Gelassenheit, pöbelte noch ein bisschen und stürmte dann nach Fusel stinkend in die Sümpfe von Rokitno davon.

Beim tiefen Lesen, in das Siegfried Lenz’ masurisches Großväterchen Hamilkar Schaß verfällt, geht das Gehirn seiner Wege und beharrt darauf, dies zu tun. Es ruft Informationen ab, vergleicht, kombiniert. Das Bewusstsein taucht in andere Kulturen, Zeitalter, ins Bewusstsein anderer Menschen ein und will dort bleiben. Es findet Vergnügen, Ablenkung, Flucht und Entspannung…

Jetzt weiterlesen für 0,86 €
Nr. 4/2015