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Freche Früchtchen

Nicolas Chabanne verkauft Obst und Gemüse, das sonst im Müll landen würde. Eine französische Erfolgsgeschichte. 

EMILIE MALCORPS / SPIEGEL WISSEN
von
Annette Bruhns
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Er hat einen Kugelbauch, ein Doppelkinn, eine melodische Stimme und vergnügte Augen. Der Franzose ist Erfinder des ersten Antiverschwendungslabels der Welt. Dessen Markenzeichen: ein lächelnder, leicht verbeulter Apfel. Es ist ein Logo, für das Nicolas Chabanne, 45, selbst Modell gestanden haben könnte. „Sind wir nicht alle etwas verbeult?“, fragt der Erfinder und lacht.

Tagtäglich vernichten wir tonnenweise Früchte und Gemüse, nur weil sie nicht unseren Schönheitsidealen entsprechen: zu alt, zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, verwachsen, bucklig, picklig oder verschrammt. Legten wir an Menschen dieselben Maßstäbe an wie an die Dinge, die wir essen, es blieben nicht viele übrig.

Viel zu viele Lebensmittel scheitern an den hohen Ansprüchen der Konsumenten. Rund ein Drittel dessen, was weltweit an Nahrungsmitteln produziert wird, verdirbt ungegessen, schätzt die Welternährungsorganisation. Rund 1,3 Milliarden Tonnen Nahrung sind das jedes Jahr, die den Hungrigen nicht zur Verfügung stehen. 1,3 Milliarden Tonnen, für deren Herstellung völlig unnötig Kohlendioxid in die Atmosphäre geblasen wird und Pestizide ins Erdreich sickern. 1,3 Milliarden Tonnen, bei denen die Wegwerfgesellschaft ihre hässlichste Fratze zeigt.

„Wieso lassen wir das zu?“, sagt Chabanne und haut mit der Faust auf den Tisch, „das ist doch komplett irre!“ Er stammt aus der Provence, aus der Kleinstadt Carpentras in der Nähe von Avignon. Hier sind die Menschen stolz auf die Erdbeeren, Kirschen, Trauben und Feigen, für die ihr fruchtbarer Landstrich berühmt ist. Vielleicht ist es dieser Stolz, der Chabanne dazu treibt, Schluss zu machen mit dem Perfektionswahn. Er hat das Label „…

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Nr. 5/2015