Lesezeit 10 Min
Gesellschaft

Endstation Sehnsucht

Ein alter Bahnhof ist in Wuppertal zur "Utopiastadt" geworden. Und zum Fallbeispiel dafür, wie Menschen sich neue Orte der Gemeinschaft schaffen.

CHRISTIAN PROTTE / SPIEGEL WISSEN
von
Maren Keller
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Gesellschaft

Wäre jetzt Sommer – so beginnen viele Sätze über den alten Bahnhof. Wäre jetzt Sommer, dann würden draußen die Sonnenblumen blühen und Menschen an den Tischen sitzen. Dann wären die Bäume nicht so abgeblättert wie der dunkelgrüne Lack an den Türen, und dann wäre der Grill nicht zur Untätigkeit verdammt. Dann stünde die Boombox nicht im Möbellager, sondern draußen in der Sonne. Dann wäre alles voller Menschen.

So aber ist draußen niemand zu sehen außer Candy, die auf ihrem Elektrofahrrad angerollt kommt. Zwei Eimer baumeln am Lenker, einer links, einer rechts, einmal Nudeln, einmal Kaiserschmarrn. Auf dem Gepäckträger klemmt eine Tüte Brötchen.

Candy ist 52 Jahre alt. Sie hat eine Ausbildung zur Fotografin gemacht und Industriedesign studiert. Sie ist jetzt selbstständig. Und weil sie sich ihre Zeit frei einteilen kann, steht sie nachmittags von ihrem Schreibtisch auf, fährt zu einem Restaurant in der Nähe des alten Bahnhofs, packt dort das Essen ein, das beim Mittagstisch übrig geblieben ist, und bringt es hinüber zum alten Bahnhof, wo es immer jemanden gibt, der gerade Hunger hat. Genau genommen bringt Candy also mehr als zwei Eimer und eine Tüte Brötchen. Sie bringt auch die Idee des Foodsharing mit.

Candy kommt, sooft sie kann. Der alte Bahnhof ist längst zu einem zentralen Punkt ihres Lebens geworden, und Candy sagt, das habe sie schon geahnt, als sie zum ersten Mal draußen vorbeigefahren sei. "Man weiß intuitiv, wenn man hier…

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Nr. 6/2016