Lesezeit 15 Min
Wissen

Der Totentanz der Tiere

Die Welt erlebt das größte Artensterben seit Verschwinden der Dinosaurier. Das wird nachfolgende Generationen teuer zu stehen kommen.

ILLUMUELLER.CH / SPIEGEL WISSEN
von
Philip Bethge
Lesezeit 15 Min
Wissen

Man stelle sich vor, da wäre eine Festplatte, auf der alles Wichtige gespeichert ist, die Familiengeschichte, Versicherungen und Kredite, Fotos und Dokumente. Nun stelle man sich vor, dass ein Teil davon gelöscht wird, vielleicht aus Unachtsamkeit, vielleicht aber auch, weil der Platz gerade für etwas anderes gebraucht wird.

Was geschieht?

Vielleicht nichts; vielleicht gehen nur ein paar bedeutungslose Erinnerungen verloren. "Es könnte aber auch sein, dass aus Versehen Teile des Betriebssystems gelöscht werden", sagt Christof Schenck, Leiter der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF). Schenck zieht den Vergleich immer dann, wenn er das Artensterben erklären will. "Bei der Festplatte ist den meisten sofort klar, dass es unklug wäre, einen Teil der Daten zu löschen", sagt der Biologe. Bei der biologischen Vielfalt jedoch sei diese Einsicht schwerer zu vermitteln – "und das, obwohl dort nicht einmal genau bekannt ist, was alles verloren gehen kann".

Die Welt schlittert in ein menschengemachtes Massenaussterben. Bis Ende des Jahrhunderts könnte die Hälfte aller Tier- und Pflanzenarten verloren sein. Nashörner, Elefanten, Löwen, Giraffen, Schimpansen – viele Ikonen der Tierwelt drohen, aus der Wildnis zu verschwinden. Gleichzeitig trifft es Myriaden unscheinbarer Lebewesen, die im Verborgenen existieren.

Ein Viertel aller Säugetiere, 13 Prozent aller Vögel und 42 Prozent aller Amphibien sind vom Aussterben bedroht, schätzt die Weltnaturschutzunion. Andere Arten sind bereits für alle Zeit verloren. Zu den prominenten Opfern des Menschen zählen der Tasmanische Tiger oder der flugunfähige Vogel Dodo aus Mauritius.

Doch auf dem Friedhof der Arten liegen längst Hunderte von Lebewesen. Nacktbrustkänguru, Rauchgrauer Flughund, Darwin-Reisratte, Östliches Irmawallaby, Schomburgk-Hirsch, Delalande-Seidenkuckuck, Molokai-Kletterkleidervogel, Goldkröte, Felsengebirgsschrecke – sie alle sind bereits vom Antlitz der Erde getilgt.

Experten finden das erschreckend. Denn ohne…

Jetzt weiterlesen für 0,94 €
Nr. 2/2017