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Der Kuschelfaktor

In der tiergestützten Therapie dürfen Autisten Pferde führen und traumatisierte Soldaten Hunde streicheln. Bringt das wirklich etwas?

PHILIPP REISS / SPIEGEL WISSEN
von
Carola Kleinschmidt
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Lorenz wirft einen Ball. Asmara rennt und apportiert. Mit Geste und Blick bedeutet der 16-Jährige dem Golden Retriever, den Ball vor ihm abzulegen und Sitz zu machen.

Ballspielen mit einem Hund ist nichts Besonderes. Eigentlich. Doch für Lorenz ist es ein Sieg. Das Spiel mit dem Hund ist Teil seiner Therapie. Lorenz leidet an selektivem Mutismus. Der Teenager ist extrem schüchtern, außerhalb des engsten Familienkreises verstummt er komplett und verweigert jeglichen Kontakt. Lorenz erwidert keinen Blick, reagiert nicht auf Ansprache – für seine Umwelt ist das sehr irritierend.

Die Schule absolviert er per Fernlehrgang am Computer. Doch in einigen Wochen steht die Realschulprüfung an, und um sie zu schaffen, muss Lorenz einem Prüfer persönlich gegenübertreten, den Blickkontakt halten und Prüfungsfragen zumindest schriftlich beantworten. Doch im Moment ist das aussichtslos, Lorenz würde das nicht schaffen, trotz vieler Therapieversuche. Die letzte Hoffnung seiner Mutter ist jetzt die tiergestützte Psychotherapie.

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Schauen, tasten, schmusen: behinderte Kinder und Therapietiere am Institut für soziales Lernen mit Tieren in Lindwedel

Ist diese Hoffnung berechtigt? Kann ein Hund erreichen, was zuvor keinem Therapeuten gelang? Was bringen Tiere im therapeutischen Setting, abgesehen vom Kuschelfaktor? Was ist Hype, was hilft wirklich? Die wenigen wissenschaftlich akkurat durchgeführten Studien zeigen allenfalls minimale Effekte.

"Nur weil ein Tier eine Therapie begleitet, geschehen keine Wunder", stellt Rainer Wohlfarth klar. Der Diplom-Psychologe und Psychotherapeut leitet das Ani.…

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17.10.2017