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Bauchgefühl

Laktose, Gluten, Histamin: Immer mehr Menschen fürchten, an Unverträglichkeiten und Intoleranzen zu leiden. Der Weg zur richtigen Diagnose ist oft mühsam.

THOMAS DASHUBER / SPIEGEL WISSEN
von
Kristin Hüttmann
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Der Blick in einen Hamburger Bürokühlschrank: 1 Liter Reis-Kokos-Ananas-Drink, 1 Liter Mandeldrink ungesüßt, 1 Liter Biosoja-Reisdrink, 1 Liter Biohaferdrink glutenfrei und ganz hinten in der Ecke – 1 Liter fettarme Biomilch.

Zehn Personen, fünf verschiedene Kaffeezusätze. Leidet die halbe Bürogemeinschaft an Laktoseintoleranz? Mitnichten. Eine Kollegin findet Milch eklig, der Kollege will sich insgesamt gesünder ernähren, und zwei Kolleginnen vermuten, dass sie Milch nicht vertragen. Eine diagnostizierte Intoleranz hingegen hat keiner im Büro.

Das passt zu dem, was die Ernährungswissenschaftlerin Imke Reese beobachtet: "Unverträglichkeiten entwickeln sich zum Ernährungstrend", sagt sie. "Viele Menschen werten Symptome, die sie haben, sehr schnell als pathologisch."

Doch auch wenn viele Menschen ohne gesicherte Diagnose auf bestimmte Lebensmittel verzichten, möchte sie die Symptome der Menschen nicht als leicht hysterische Modekrankheit abtun. "Viele, die glauben, dass sie krank sind, haben ja auch etwas." Manchmal sei es aber schlicht ein falsches Ernährungsverhalten, das sich mithilfe eines Ernährungsprotokolls aufdecken ließe. Wer tatsächlich bestimmte Lebensmittel oder deren Bestandteile nicht verträgt, hat meist mehr als nur ein paar lästige Blähungen.

An Nahrungsmittelunverträglichkeiten leiden nach eigener Einschätzung mehr als 20 Prozent der Bevölkerung in Industrieländern. Nicht nur auf den Milchzucker Laktose, sondern auch auf Weizen und das in vielen Getreidearten enthaltene Klebereiweiß Gluten oder auf Fruchtzucker reagieren Menschen mit Bauchschmerzen, Blähungen oder Durchfall – oder auch mit heftigen Hautreaktionen, wenn sie Rotwein trinken, Nüsse oder Fisch essen. Einige der zugrunde liegenden Mechanismen dafür sind seit vielen Jahren aufgeklärt, die darauf basierenden Unverträglichkeiten lassen sich mit zuverlässigen Tests identifizieren. Bei anderen Unverträglichkeiten suchen Wissenschaftler noch nach den Ursachen und nach Möglichkeiten, sie schnell und eindeutig zu diagnostizieren.

Dabei ist die Zahl der von Unverträglichkeiten Betroffenen sehr viel höher als die der Allergiker. Obwohl echte Lebensmittelallergien immer häufiger werden, also Beschwerden, die durch eine immunologische Reaktion des Körpers…

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Nr. 1/2017