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Geschichte

Wie die Gotik romantisch wurde

Als die Franzosen das Mittelalter wiederentdeckten, war ein leidenschaftlicher Architekt zur Stelle: Eugène Viollet-le-Duc gab vielen bedeutenden Bauwerken ihre heutige Gestalt.

BRIAN JANNSEN / AGEFOTOSTOCK / AVENUE IMAGES
von
Rainer Traub
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Geschichte

Für einen Architekten erwarb sich Eugène Viollet-le-Duc seinen Ruhm auf ungewöhnliche Weise: Die Werke, die seinen Ruf als einer der bedeutendsten französischen Baumeister begründeten, waren keine Entwürfe von Neubauten, sondern Rekonstruktionen gotischer Kathedralen und Schlösser.

Die Kathedrale von Notre-Dame, so wie sie heute als Wahrzeichen im Herzen von Paris steht, ist nicht zuletzt ein Meisterstück von der Hand Viollet-le-Ducs. Er war es auch, der die gewaltigen Gotteshäuser von Reims und Saint-Denis restauriert hat. Und die Festung der einstigen Ketzerstadt Carcassone, wo vier Millionen Besucher im Jahr dem Geist der Vergangenheit nachspüren, ist zu einem erheblichen Teil sein Werk.

Wenige haben das Bild, das sich die Heutigen über das Mittelalter machen, so stark beeinflusst wie der Mann, der 1838 mit nur 24 Jahren zum Mitglied des Conseil de Bâtiments Civils berufen wurde. Schon mit Anfang dreißig galt er als führender Kopf der architektonischen Restaurationsbewegung.

Der junge Baukünstler war zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen. Denn gerade, als er ins Berufsleben trat, lernte Frankreich sein historisches Erbe neu zu schätzen.

1831, wenige Jahrzehnte nach der Französischen Revolution, hatte es der Schriftsteller Victor Hugo gewagt, eine gotische Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert zum Schauplatz eines großen Geschichtsromans zu machen: "Notre-Dame de Paris". Der majestätische Bau ragte zwar noch immer unübersehbar im Zentrum von Frankreichs Hauptstadt auf. Aber der Zahn der Zeit hatte schwer an dem…

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Nr. 1/2015