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Geschichte

„Krieg war wie ein Naturereignis“

Chroniken und Heldenepen erzählen vor allem von Kämpfen, Fehden und Mord. War das Leben im Mittelalter wirklich so brutal? Fragen an den Mediävisten Manuel Braun.

THE ART ARCHIVE
von
Eva-Maria Schnurr
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Geschichte

Braun, 44, ist Professor für Germanistische Mediävistik an der Universität Stuttgart und hat einen Sammelband über Gewalt im Mittelalter herausgegeben.

SPIEGEL: Wenn wir heute brutale Gewalt erleben, zum Beispiel die Gräueltaten des „Islamischen Staats“, dann heißt es oft: Das ist mittelalterlich. Stimmt der Vergleich, war das Zeitalter so grausam?

Braun: Vermutlich schon. Der amerikanische Wissenschaftler Steven Pinker hat gezeigt, dass die Mordrate in Europa zwischen dem 14. Jahrhundert und heute um das 10- bis 100-Fache gesunken ist: Im mittelalterlichen Oxford kamen von 100 000 Einwohnern jährlich 110 gewaltsam zu Tode. Im 20. Jahrhundert war es nur noch einer.

SPIEGEL: Warum war Brutalität so verbreitet?

Braun: Es gab noch kein Gewaltmonopol des Staates, deshalb musste man sein Recht, oder das, was man dafür hielt, selbst durchsetzen. Damals hat ein Adliger eine Erbstreitigkeit im Wortsinn ausgefochten: Er kündigte seinem Gegner die Fehde an, brachte dessen Bauern um, belagerte die Burg. Heute würde er vor Gericht gehen.

SPIEGEL: Musste man immer und überall damit rechnen, Opfer von Übergriffen zu werden?

Braun: Nein, denn es gab durchaus Regeln, wer wo und warum Gewalt ausübte. Entsprechend wurde sie, zumindest in der Theorie, kontrolliert eingesetzt. Im Haushalt beispielsweise war Gewalt der…

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Nr. 1/2015