Lesezeit 21 Min
Geschichte

Hungern, hamstern, hoffen

Während die Menschen in der Sowjetischen Besatzungszone mit den Härten ihres Alltags rangen, organisierte eine kleine Gruppe von Kommunisten die Machtübernahme. So entstand die DDR.

Bundesarchiv, Bild 183-13947-0002 / Schmidtke / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
von
Nils Klawitter
Lesezeit 21 Min
Geschichte

Es ist Ende April 1945, als der Frühling nach Vorpommern kommt. Und die Angst. Der Krieg ist verloren, die Wehrmacht ist nach Westen geflohen und hat die Brücken hinter sich gesprengt. Auch die über die Peene.

Jenseits des Flusses bei Demmin ist die Rote Armee zum Stehen gekommen. Je lauter das Dröhnen der Panzer wird, desto mehr schleicht sich die Furcht nach Demmin. Die Panik. Durch die Sprengungen sind die Menschen der Stadt quasi auf einer Halbinsel eingeschlossen. Viele sehen keinen Ausweg mehr und beschließen, diese Welt zu verlassen. "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt" heißt das Buch über den Massenselbstmord in Demmin, das der Historiker Florian Huber gerade veröffentlicht hat. Es schildert die Tage vom 30. April bis zum 3. Mai 1945, als in Demmin eine Selbstmordepidemie grassiert. Als viele Demminer in Scharen ins Wasser gehen, sich erschießen oder Zyankali-Kapseln schlucken. Als sie erst ihren Kindern und dann sich selbst das Hanfseil um den Hals legen.

Zwischen 700 und 2000 Menschen kommen so ums Leben, in einer Stadt von 15 000 Einwohnern.

Die Angst der Deutschen vor den Besatzern nimmt zwar selten solche dramatischen Formen an wie im politisch braunen Demmin. Gerade in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) jedoch ist sie allgegenwärtig. Sie bestimmt den Alltag wie der Wettlauf um Unterkunft, Nahrungsmittel und Kleidung.

Wie wenig Nachsicht von den neuen Herren zu erwarten ist, wird schnell klar: Bereits im Januar 1945 hat Stalins Marschall Georgij Schukow, der wenig später Chef der sowjetischen Militäradministration SMAD wird, den Deutschen gedroht: "Wehe dem Land der Mörder. Wir werden uns grausam rächen für alles."

Als seine Soldaten dann merken, dass es vielen Deutschen – den Nutznießern der Ausplünderungspolitik der Nazis – trotz der Niederlage besser geht als ihnen selbst, fallen oft alle Hemmungen. Ihre Beutezüge richten sich auch gegen Menschen: Allein von den etwa 1,4 Millionen Frauen, die im Frühjahr 1945 in Berlin leben, werden etwa 100 000 Opfer von Vergewaltigungen.

Günter Benser, damals 14 Jahre alt und später Historiker in der DDR, erlebt das Kriegsende im sächsischen Heidenau. Für ihn ist es eine Mischung aus Bangen und Hoffen – und auch ein Abenteuer.

Der 8. Mai ist ein sonniger Tag, gegen Mittag rückt die Rote Armee ein. "Über Nacht waren schon die Panzer der Stoßtruppen durch die Stadt Richtung Prag gerollt, wo sich noch SS-Einheiten verschanzten. Wenn die Panzer der Russen zum Stehen kamen, zitterten alle", erzählt der heute 84-Jährige.

Ihm wären zwar "die Amis lieber gewesen", doch die Scheu vor den Soldaten weicht bei ihm relativ rasch. Als Rotarmisten die Läden leer räumen, hängen sich viele Einwohner des Ortes einfach hintendran. Benser erbeutet eine Kiste Sunlight-Seife, ein Paket Salz und einen Sack Zucker. Vor allem…

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Nr. 3/2015