Lesezeit 19 Min
Geschichte

Forscher des Herrn

Was war Wissenschaft im Mittelalter? Albertus Magnus ist ein Beispiel dafür, wie umfassend Gelehrte das große Ganze von Natur und Geist zu begreifen versuchten.

PRISMAARCHIVO / PICTURE ALLIANCE / DPA
von
Johannes Saltzwedel
Lesezeit 19 Min
Geschichte

Mit einer Katastrophe könnte es angefangen haben. Seit Weihnachten 1222 versetzten Erdstöße ganz Oberitalien in Panik. Brescia lag in Trümmern. Mailands verängstigte Bürger kampierten im Freien. Auch der deutsche Studiosus Albert, eben an die neu gegründete Universität Padua gekommen, spürte, wie immer wieder der Boden unter seinen Füßen rumorte.

Beda Venerabilis
*um 673, †735

In einer Kapelle vor der Westfassade der mächtigen Kathedrale von Durham, weit im Norden Englands, steht der Sarkophag des größten Gelehrten des Frühmittelalters. Beda, der offenbar kaum je das nahegelegene Benediktinerkloster Jarrow verlassen hat, wo er seit früher Jugend lebte, schrieb Lehrbücher über fast das gesamte verfügbare Wissen, vom Bibelkommentar bis zur Enzyklopädie. Sogar das Hebräische hat er möglicherweise beherrscht. Neben seiner Historie der Missionierung Englands, einer auch literarisch fesselnden Pioniertat christlicher Geschichtsschreibung, und diversen Heiligenviten wurde Beda vor allem berühmt für sein Handbuch der Zeitrechnung: Wer etwas zum Thema Kalender, vielleicht gar über die komplizierte Berechnung des Osterdatums wissen wollte, fand in "De temporum ratione" alle nötigen Auskünfte. Dass ausgerechnet an der entlegenen Ostküste der britischen Insel solch eine "ehrwürdige" (venerabilis) Leuchte des Wissens tätig sein konnte, ist für das europäische Frühmittelalter symptomatisch - ebenso Bedas Methodik, die auf kritische Einsicht Wert legt, aber nur selten die Bahnen großer Autoritäten verlassen mag.

Dabei hatte er doch gerade ein intellektuelles Erdbeben zu bestehen: die seit Kurzem wieder auf Latein zugänglichen Schriften des griechischen Philosophen Aristoteles. An allen hohen Schulen Europas diskutierte man, ob das schier allumfassende naturphilosophische Begriffsgebäude des antiken Denker-Gelehrten mit der christlichen Lehre vereinbar sei.

Albert, der junge Schwabe aus Lauingen an der Donau, reagierte auf die existenzielle wie intellektuelle Herausforderung mit einem weitblickenden Entschluss: Er trat dem erst vor wenigen Jahren gegründeten Bettelorden der Dominikaner bei. Tiefe Frömmigkeit und Predigteifer - der Kampf gegen Ketzerei gehörte zu den Hauptaufgaben - hatten die mönchische Bewegung ebenso rasch berühmt gemacht wie wissenschaftlich-philosophische Spitzenleistungen; der neugierige junge Mann muss die aufstrebende klösterliche Elitetruppe als ideale geistige Heimat betrachtet haben.

Erst einmal hieß…

Jetzt weiterlesen für 1,00 €
Nr. 1/2015