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Geschichte

Familienlegenden

Wie viele Menschen lebten im Mittelalter unter einem Dach? Wann wurde geheiratet? Wie erging es den Kindern? Mythen und Wirklichkeit – ein Überblick.

GETTY IMAGES
von
Stefan Berg
und
Eva-Maria Schnurr
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Geschichte

Die Menschen hatten viele Kinder und lebten in Großfamilien.

Lange dachte man, die Menschen im Mittelalter hätten in vielköpfigen Gruppen zusammengelebt, mit Großeltern im gleichen Haushalt und vor allem: mit deutlich mehr Kindern als heute. Doch inzwischen wissen die Forscher: Große Familien gab es im Mittelalter, wenn überhaupt, nur sehr selten.

Schätzungen gehen von durchschnittlich vier bis acht Geburten pro Frau aus. Die Kindersterblichkeit war jedoch extrem hoch. Auf einem Friedhof in der Nähe von Buxtehude waren zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert 51 Prozent der Bestatteten Kinder unter 13 Jahren, andernorts waren die Zahlen sogar noch höher.

Weil nur wenige Kinder überlebten, waren die Familien nicht viel größer als heute: Ein Elternpaar lebte, so zeigen es Aufzeichnungen etwa aus Frankreich, mit zwei bis drei Kindern zusammen. Generationsübergreifende Wohngemeinschaften waren selten: Selbst auf dem Land zogen die Großeltern für gewöhnlich in einen eigenen Haushalt, wenn die nächste Generation die Hofstelle übernahm. Allerdings gab es auch in der Stadt in etlichen Haushalten „Inwohner“, also unverheiratete Mägde, Knechte oder Lehrlinge, die mit der Kernfamilie in einem Haushalt lebten.

Die Familie hatte eine größere Bedeutung als heute.

Tatsächlich waren Familien wichtiger als heute, vor allem aus rechtlicher Sicht. Familienangehörige erhielten ein fest bemessenes Wergeld, eine Entschädigung, wenn jemand getötet wurde. Mancherorts gab es im Frühmittelalter sogar die Gewohnheit, einen Mord oder eine Ehrverletzung in der Familie durch eine Tötung zu ahnden. Der Chronist Gregor von Tours etwa erzählt im 6. Jahrhundert von einer Frau, die sich mit einem Priester…

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Nr. 1/2015