Lesezeit 13 Min
Geschichte

Die Macht der Verführerinnen

Der Aufstieg zur fürstlichen Mätresse bedeutete für Frauen eine besondere Chance. Einige betrieben sogar aus dem Schlafzimmer Politik.

By Pierre Mignard (1612-1695), photo by Siren-Com [Public domain], from Wikimedia Commons
von
Bettina Musall
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Geschichte

An und für sich hatte es der kleine Charles ziemlich gut. Er war zwar ein uneheliches Kind, aber immerhin wusste er, wer seine Eltern waren, und wurde liebevoll umsorgt. Bei seiner Mutter wuchs er auf, der Vater zahlte Unterhalt und kam regelmäßig vorbei. Trotzdem war Mama Nell ziemlich sauer, als der Herr Papa wieder einmal in der Tür stand. "Komm her, du kleiner Bastard, und begrüße deinen Vater", rief sie nach ihrem Sohn, dass es durch das ganze Haus an der Londoner Pall Mall schallte.

Der Filius kam gerannt und warf sich Daddy in die Arme. Der Vater, hörbar not amused, verlangte eine Erklärung für die unflätige Anrede des Sohnes. "Wie sonst, Sire", flötete die Dame seines Herzens, "Seine Majestät haben mir keinen anderen Namen für ihn gegeben." Charlys väterliche Hoheit, König Charles II. von England, hatte es dieser Überlieferung zufolge bis dahin nicht für nötig gehalten, seinem Junior einen standesgemäßen Titel zu verleihen. Was womöglich damit zusammenhing, dass die Kindsmutter, Nell Gwyn, vieles andere, nur keine Lady war. Nach einer Kindheit im Rotlichtviertel schlug sie sich als Orangenverkäuferin durch, kam über einen Liebhaber ans Theater und auf die Bühne – wo der Monarch die Nachwuchsschauspielerin für sich entdeckte. Seit sieben Jahren schlief der routinierte Verführer aus dem Hause Stuart nun mit der ebenso bezaubernden wie schlagfertigen Komödiantin; langweilig wurde es ihm offensichtlich nicht.

Neben ihren sichtbaren Vorzügen schätzte Charles an Nelly, dass ihr hohe Politik ebenso gleichgültig war wie höfisches Getue und Intrigenspektakel. Dennoch wusste sie ganz genau, was ihrem Königssohn zustand. Ihr Liebhaber, als Monarch seiner Zeit eigentlich nicht daran gewöhnt, sich etwas sagen zu lassen, gab – ganz…

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Nr. 2/2018