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Geschichte

„Die größte Freude meines Lebens“

Überall im Land rebellierten die Menschen am 17. Juni 1953 gegen die kommunistische Diktatur. Für kurze Zeit wurde Görlitz zur freiesten Stadt der DDR.

Bundesarchiv, B 285 Bild-14676 / Unbekannt / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
von
Christoph Gunkel
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Geschichte

Schnell, die Jalousien runter! Die Türen mit Schränken und Tischen verrammeln, Waffen verteilen: drei Karabiner, vier Pistolen, 130 Schuss Munition.

Johannes Niesner, Leiter der Stasidienststelle in Görlitz, gibt Anweisungen. Draußen haben sich Tausende aufgebrachte Bürger versammelt und fordern die Freilassung politischer Gefangener. Drinnen sitzen neun Stasimitarbeiter und spüren an diesem 17. Juni 1953 plötzlich die Angst, die gewöhnlich sie verbreiten.

Als einige Demonstranten den Zaun des Gebäudes überklettern, geben die Stasimänner erste Schüsse ab. Doch kurz danach triumphieren die Aufständischen: Sie kommen mit einer Geisel, dem Görlitzer SED-Chef Karl Weichold. Vor den Eingang der Behörde gezerrt, ruft er: "Legt die Waffen nieder und schießt nicht, seid vernünftig und lasst eine Delegation hinein. Es ist sowieso alles vorbei!"

Niesner lässt zehn Demonstranten herein, die überrascht sind, als sie im Stasikerker keine Gefangenen finden. Doch so etwas will jetzt niemand mehr genau wissen, zu groß sind Misstrauen und Wut. 60 bis 80 junge Leute nutzen die Situation und stürmen das Gebäude. Mit Äxten zertrümmern sie die Einrichtung, werfen Akten aus dem Fenster und verprügeln Stasileute. Draußen skandiert die Menge: "Wir wollen eine neue Regierung!"

Noch schlimmer kommt es für die Staatssicherheit in der benachbarten Kleinstadt Niesky. Dort sperren Aufständische den örtlichen Stasileiter und drei seiner…

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Nr. 3/2015