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Geschichte

Der Hofcode

Niemand verstand es, Macht so gekonnt in Szene zu setzen wie barocke Fürsten. Sie nutzten dafür eine eigene Sprache aus Symbolen, Gesten und Verhaltensweisen.

By Paolo Costa Baldi [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], from Wikimedia Commons
von
Eva-Maria Schnurr
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Geschichte

Er versucht es. Um jeden Preis. Das zeigen die Fotos aus seiner New Yorker Wohnung: überall Gold und Marmor, überall Brokat, Kronleuchter und glitzernde Spiegel. "Donald Trump hat den Designgeschmack eines Diktators", urteilte das amerikanische Magazin "Politico". Der Autor Peter York, Verfasser des Buches "Dictator Style", stellte Trumps Wohnung in eine Reihe mit Tyrannenresidenzen von Slobodan Milošević, Saddam Hussein oder Ferdinand Marcos.

Alle diese Quartiere haben drei Dinge gemeinsam: Sie sind obszön opulent, überdimensioniert – und sie kopieren hemmungslos den Stil des Barock. Die Mode des 17. und 18. Jahrhunderts also, einer Zeit, die als Epoche des Absolutismus zum Inbegriff vordemokratischer Alleinherrschaft wurde.

Es ist kein Wunder, dass Möchtegern-Absolutisten von heute den Lifestyle von damals imitieren. Wohl zu keiner Zeit der abendländischen Geschichte wurde Macht gekonnter in Szene gesetzt als im Barock. Fürsten wie Frankreichs Ludwig XIV. oder Sachsens August der Starke rüsteten ihre Schlösser zu gigantischen Palästen auf, luden zu glamourösen Festen, beauftragten die besten Künstler, Komponisten und Autoren, um sich ins rechte Licht rücken zu lassen. Die fürstlichen Höfe wurden zu Magneten für den Adel und für Aufstiegswillige aus dem Bürgertum, die sich in Dienstbeflissenheit für den Regenten gegenseitig zu überbieten versuchten.

Anders als Kitschliebhaber Trump nutzten die Fürsten des Barock jedoch eine Sprache der Macht, die feinste Ausdrucks- und Differenzierungsmöglichkeiten besaß. Es war ein komplexer Code mit klaren Regeln, einer eigenen Logik, tief verhaftet in der Mentalität der damaligen Zeit.

Heute klingt das meiste davon bizarr und unverständlich, nicht einmal selbstherrliche Diktatoren würden noch auf derartige Ideen kommen: dass Ludwig XIV. hohe Adelige am königlichen Bett empfing. Dass eine fürstliche Mätresse eine Art offizielles Hofamt innehatte. Oder dass im Hochadel selbst enge Verwandte skrupellos miteinander verheiratet wurden, damit das Erbe in der Familie blieb. Alles vollkommen irre, von heute aus betrachtet.

Doch die Menschen von damals verständigten sich nur anders miteinander. Zeichen, Gesten, Verhaltensweisen und Symbole waren Teil eines Kommunikationssystems, das bei Hofe jeder beherrschte. Wenngleich dieser Hofcode im Detail oft erstaunlich kompliziert ist, sind es letztlich fünf Prinzipien, die…

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Nr. 2/2018