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Geschichte

Das japanische Trauma

Die Erinnerung an das Inferno von Hiroshima prägt die Gesellschaft bis heute: Einerseits sieht sich die Nation als Opfer, andererseits verdrängt sie den nuklearen Schrecken.

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von
Wieland Wagner
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Geschichte

Andächtige Stille herrscht in dem kleinen Vortragsraum im Friedenspark von Hiroshima. Zu hören ist nur die Stimme der Erzählerin, die über den 6. August 1945 berichtet, den Tag also, an dem die Atombombe über der Stadt abgeworfen wurde. Sie schildert die Verzweiflung einer Mutter, die mitansehen musste, wie ihr kleiner Sohn an seinen Verbrennungen starb.

Die Frau hat das alles nicht selbst erlebt, sie wurde erst zehn Jahre nach dem Krieg geboren. Ritsuko Kinoshita ist eine "Denshosha", eine Überlieferin, die weitergibt, was überlebende Opfer ihr berichtet haben. Die Dame im eleganten, dunklen Kostüm soll dafür sorgen, dass Hiroshima, dieses japanische Trauma, nie in Vergessenheit gerät.

Drei Jahre übten Kinoshita und andere Bürger der Stadt für ihre ehrenamtliche Tätigkeit. "Die Zeit drängt", sagt sie, "denn schon bald werden die letzten Zeitzeugen nicht mehr am Leben sein."

Deshalb wollen Freiwillige wie Kinoshita die Erinnerung an die Atombombe wachhalten, an dieses "einzigartige Verbrechen", das vom damaligen Kriegsgegner Amerika gezielt am japanischen Volk verübt worden sei, einer nicht weißen Rasse. Sie wiederholt: "An den Japanern."

Kinoshita ist keine Nationalistin, sie hat mit ihrem Mann lange in den USA und in China gelebt. Gerade deshalb kann sie freimütiger als viele ihrer Landsleute über die Narben sprechen, die die Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki in der Seele ihres Volkes hinterlassen haben.

Denn Hiroshima ist in Japan auch eine Geschichte des höflichen Verschweigens. Das spürt man selbst in dieser Stadt, die weltweit zum Symbol für das nukleare Inferno wurde.

Nur ein paar Meter außerhalb des Friedensparks wirkt die heutige 1,2-Millionen-Metropole so gesichtslos…

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Nr. 4/2015