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Fernweh

In Goethes Kielwasser

Kein anderer See verwöhnt uns Segler so wie der »Lago di Garda«. Vormittags beschert uns seine Thermik den »Vento«, nachmittags die »Ora« und abends bezaubert er uns an seinen Ufern mit mediterranem Charme und italienischem Lebensgefühl, von dem bereits Goethe zu schwärmen wusste

CARL VICTOR
von
Carl Victor
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Fernweh

"Wie sehr wünschte ich meine Freunde einen Augenblick neben mich, dass sie sich der Aussicht freuen könnten, die vor mir liegt!“, schrieb Goethe am Abend des 12. September 1786 in sein Tagebuch. Wenn Sie so, wie er damals, heute „nach fünfen“ von Rovereto aufbrechen, werden Sie nicht erst nachmittags dort stehen, wo er „ein köstliches Schauspiel“ genoss, sondern schon früh morgens, wenn die Dolomitwände im Westen aufglühen, während das Ostufer noch unter dem Schatten des Monte Baldo vor sich hin dämmert. Dann dürfen auch Sie sich vom Gardasee „herrlich belohnt“ fühlen! „Wenn man hinab kommt, liegt ein Örtchen am nördlichen Ende des Sees, es heißt Torbole“, schrieb Goethe weiter und erwähnte auch den kleinen Hafen, den es heute noch gibt. Noch gab es damals das Zollhäuschen nicht und wohl auch nicht jenes Relief, das von einer ungewöhnlichen seemännischen Leistung erzählt. Der am Gardasee interessierte Löwe von San Marco hatte sich von der Flotte der Visconti auf den Schwanz getreten gefühlt, worauf die um Schiffe nie verlegenen Venezianer 33 davon die Etsch hoch treidelten. Von dort schleiften sie diese – von Ochsen und Pferden gezogen – zum Pass von Nago hinauf und nach Torbole hinunter, wo sie mit ihren Schiffsglocken das Ende der Mailänder Herrschaft über den See einläuteten. Goethe mietete sich in der ‚Casa Alberti‘ in Torbole ein, woran eine Gedenktafel erinnert. Auf der steht: „Heute habe ich an der Iphigenie gearbeitet, es ist im Angesicht des Sees gut vonstatten gegangen“. Tatsächlich hat der Dichter „am Gardasee, als der gewaltige Mittagswind die Wellen ans Ufer trieb“, das Werk neu konzipiert. Mit ‚Mittagswind‘ bezeichnete er die Thermik des Sees. Wenn die Ihnen das eine oder andere…

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Nr. 5/2015