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Fernweh

Das Meer der Mythen

Kein zweites Revier im Mittelmeer kann sich mit der Ägäis messen, kein Passatrevier es übertreffen. Perfekt sind die Windverhältnisse, einzigartig ist das Ambiente, geschichtsträchtig das Meer, durch das schon die Achäer gegen Troja segelten

CARL VICTOR
von
Carl Victor
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Fernweh

Auf die Frage: „Was spricht für die Ägäis?“, gibt es nur die Antwort: „Einfach alles!“ Unter dieses ‚alles‘ fällt vor allem der Meltemi, der uns die Segel oft mit mehr Wind füllt als uns lieb ist. Wenn auch nicht immer. Schließlich segelt man in der Ägäis nicht irgendwo, sondern in der Heimat der griechischen Götter und wie launisch die sein können, wissen wir spätestens seit Homer. Äolus, von Zeus zum Herrscher der Winde bestellt, macht da keine Ausnahme. Oft darf seine Gattin Eos mit ihrer Morgenröte noch einen schönen Frühlingstag ankündigen, doch dann erlaubt er Euros, dem Südostwind, ihn im Regen versinken zu lassen. Nicht nur im Herbst spornt er oft Zephyros an, seine Fronten aus West heran zu rollen. Doch von Juni bis September lässt er Boreas freie Hand. Ist der gut gelaunt, beginnt er am Vormittag mit einer Brise aus Nord zu fächeln, die sich nachmittags zum brausenden Segelwind steigert, bevor er ihn abends einschlafen lässt, um die Nachtruhe der Segler nicht zu stören. Doch manchmal schäumt seine gute Laune über. Dann gebärdet sich auch das Meer wie wild. An solchen Tagen sind die wahren Ägäis-Segler in ihrem Element! Oft artet so ein Segeltag in einen wilden Ritt über tiefblaue, von Helios Sonne weiß gekrönte Wellenberge aus. Doch hin und wieder scheint Boreas auch in Dionysos Weinkellern zu versacken. Das sind dann die Tage des Notios. Hoch geschätzt von jenen, die schon sehnsüchtig auf Südwind warten, um nach Norden zu segeln.

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Die kleinen griechischen Dörfer ziehen sich oft die Hänge der Inseln hoch, sodass sich ein weitschweifender Blick über Dorf und Ozean ergibt

Zu einem idealen Segelwind gehört auch ein ideales Segelrevier. Ebenso eines wie die Ägäis, mit Inseln, die heute noch so griechisch sind wie die ganze Ägäis einst war. In den Buchten mancher Insel könnte man eine ganze Woche verbringen, jeden Tag in einer noch schöneren, mit türkisem Wasser, durch das sich der Anker seinen Weg bahnt, bevor er sich in den Sandgrund gräbt. Manche Inseln sind ein wahrer Garten Eden, wenn auch ein von der Sonne verbrannter. Aber eben diese Kargheit macht ihren Reiz aus! Immer wieder finden sich Häfen, die man sich noch mit den Fischern teilen darf – meist kostenlos. Wird man trotzdem zur Kasse gebeten…

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Nr. 4/2017