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Boote richtig (ein)schätzen

Der Kauf einer gebrauchten Yacht ist ein komplexes Unterfangen, bei dem es vieles zu beachten gilt, damit aus dem vermeintlichen Schnäppchen nicht ein teures Refit-Projekt wird. Ein Rundgang rund ums Boot mit segeln-Autor Hinnerk Stumm

HINNERK STUMM
von
Hinnerk Stumm
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Außen

01 Augen auf bei der Außenhaut!

Wer sich für eine ältere GFK-Yacht interessiert, muss mit Auskreidungen an den Zierstreifen rechnen. Sie sind aber nur ein kosmetischer Makel, der als normale Patina hinzunehmen ist und mittlerweile durch spezialisierte Betriebe für überschaubares Geld behoben werden kann. Wo Aufpolieren nichts mehr bringt, helfen relativ günstige, nach Schablone angefertigte Zierstreifen aus seewasserbeständiger Folie weiter. Anders sieht die Sache bei ausgekreideten Rümpfen aus, wobei dunkle farbige Rümpfe schneller betroffen sind als weiße. Hier geht eine Neulackierung schon in die Tausende und kann den Kaufpreis mindern. Letztlich eine Verhandlungssache, denn ein struktureller Makel sind sie nicht und anfangende Auskreidungen lassen sich noch aufpolieren. Achten sollte man beim Rumpf auf etwaige Rempler, die durch ungewolltes ‚Stegküssen‘ meist an Bug oder Heck auftreten. Aber auch an den Schiffsseitenwänden können Schäden durch Längsseitsliegen oder Pollertouchierungen vorkommen – gerade bei bauchigen Booten ohne Scheuerleiste. Ist eine vorhanden und aus Holz, verdient auch sie einen Blick: Finden sich gesplissene Sektionen im Holz der Scheuerleiste? Gelcoatschäden (Abplatzer) oder gar Spachtelarbeiten bis ins Laminat verraten die Dimension der einst prekären Berührung mit der Pier. Ursache und Reparaturart und -aufwand sind zu hinterfragen (Belege?), denn eingedrungenes Wasser kann zu osmotischen Folgeschäden zwischen Gelcoat und Laminat führen.

02 Der Blick für die Bläschenkrankheit

Osmose kann aber auch bei unversehrten, in die Jahre gekommenen Rümpfen auftreten, denn kein Polyester-Gelcoat ist gegenüber Wasserdampfdurchlässigkeit dauerhaft 100 Prozent dicht. Gleiches gilt für das Außenlaminat: Egal, ob per Hand oder im Spritz - verfahren laminiert – kleinste, vereinzelte Lufteinschlüsse lassen sich nicht vermeiden, sodass baubedingte Hohlräume zwischen Laminat und Gelcoat vorkommen, in die über die Jahre Wasser eindringt. Ist eine Wasserblase entstanden, löst das H₂O durch Säurebildung das Laminat an. Gefährlich ist die Osmose, da sie langfristig die Struktur des Laminats, bestehend aus Glasfasern und Harzen, durch Auflösen der bindenden Harze zerstört. Der Rumpf wird allmählich weich und verliert seine Statik. Wenngleich der Zerstörungsprozess Jahre, oft Jahrzehnte andauert, segeln doch über 50 Prozent aller Yachten, die älter als zehn Jahre sind, mit einer mehr oder minder schweren Form von Osmose. So lohnt die Kontrolle, denn die Sanierung zahlt sich bei den meisten, günstigeren Gebrauchtyachten finanziell nicht mehr aus. Am besten lässt sich ein Befund erstellen, wenn die Yacht erst seit Kurzem in der Halle steht: Der Rumpf ist dann noch nicht ausgetrocknet, Bläschen so leichter zu erkennen. Beispielsweise mittels einer starken Taschenlampe, die seitlich an den Rumpf gelegt wird, wodurch…

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Nr. 2/2017