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Kultur

Musiker der Geometrie

Im Alter von 90 Jahren ist Pierre Boulez – Komponist, Dirigent und Denker – gestorben.

By Joost Evers / Anefo (Nationaal Archief) [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons
von
Wolfram Goertz
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Kultur

BADEN-BADEN Wenn dieser außerordentliche Künstler dirigierte, konnte die Temperatur im Konzertsaal schon mal um 20 Grad fallen. Es schien dann, als trage er keinen schwarzen Anzug, sondern die Bleischürze eines Radiologen; und das Konzertpodium ähnelte einer Röntgenpraxis, die nichts als kalte Blicke ins Innere anfertigte.

Pierre Boulez war seinem Wesen nach ein Entdecker. Er schürfte Dinge, deren Existenz einem unbekannt war. Aus den Tiefen eines Orchesterklangs konnte er eine unscheinbare Fagott-Stelle in einer Mahler-Symphonie präparieren und klanglich hervorholen, von der man vor dem Schwurgericht ausgesagt hätte, dass sie in dem Stück nicht vorkommt. Selbst einem sonnenheißen Stück von Maurice Ravel, dessen Titel den spanischen Himmel geradewegs flirren lässt, verordnete er sozusagen eine Klimaanlage – damit jene Kühle entstand, in der er sich wohlfühlte und aus der ihm genaue Beobachtung möglich war. Dann jedoch hörte man dank Boulez alles: die Strukturen von Musik, ihre Gelenkstellen, ihre Nerven, ihren Bauplan. Ihn interessierte nicht, wie sich Musik deuten ließ. Ihn interessierte, wie sie von innen aussah. Wie sie war.

Der 1925 im französischen Montbrison geborene Boulez war der Geometriker der Musik. Der Sohn eines Stahlfabrikanten hatte ursprünglich Mathematik studieren wollen oder irgendetwas Technisches. Wenngleich er sich später der Musik zuwandte, so blieben die überdimensionalen Schatten seiner ersten Lebenseindrücke…

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07.01.2016