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Gesellschaft

Leben mit der Angst

Die Terrornacht von Paris wird langfristige psychologische Auswirkungen haben. Terror schürt Angst, und die vergiftet den Alltag der Menschen. Dagegen helfen nur Gemeinschaft und trotziger Stolz. Wir dürfen an unseren Gewohnheiten nichts ändern.

Nebojsa Markovic / Shutterstock.com
von
Philipp Holstein
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Gesellschaft

Terror bedeutet Gewalt, Zerstörung und Tod. Und Terror greift weit über den Augenblick hinaus, in dem ein Anschlag passiert, eine Bombe gezündet wird oder Schüsse fallen. Terror wirkt in unseren Köpfen, Herzen und Seelen als Gift, das den Alltag bitter macht und Freude verdirbt. Er bringt Beklommenheit und kann Menschen für lange Zeit lähmen. Man sieht es nicht, aber man spürt es: Terror macht Angst.

Menschen sind Verdrängungskünstler. An die Tatsache, dass wir irgendwann sterben müssen, werden wir ungern erinnert. Aus Selbstschutz haben wir deshalb eine Abwehrschranke gegen die Endlichkeit errichtet – das ist Überlebensmanagement und existenzielle Hygiene. „Terror überwindet diese Schranke“, sagt nun Matthias Franz, Professor für Psychosomatische Medizin an der Uniklinik Düsseldorf und Vorsitzender der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik. „Er bringt uns an den Rand unserer Verdrängungsmöglichkeiten und wirft uns zurück in uralte Muster. Er lässt in jedem Menschen die als schlimmsten Ängste abgespeicherten Empfindungen auf leben.“ Bei fast jedem ist das Trennungs- und Verlustangst, die letztlich Todesangst ist.

Die Angst hat im Gehirn einen genau definierten Sitz. Es ist die Amygdala, die auch Mandelkern genannt wird. „Dort speichern wir schon im Mutterleib schlimme Erlebnisse“, sagt Franz. „Die Angst-Alarmanlage wird im Kindesalter scharfgestellt.“ Bis zum Alter von etwa sechs Jahren füllt sich das Reservoir mit allem, was uns später den…

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17.11.2015