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Kultur

Hosianna in der Höhe

Winfried Bönig könnte den Wettbewerb um den exklusivsten Arbeitsplatz gewinnen: Er ist Organist am Kölner Dom. Unser Redakteur Wolfram Goertz hat ihn besucht.

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von
Wolfram Goertz
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Zu abendlicher Stunde, wenn arme Seelen um den Dom schleichen und in den Abfalleimern nach Pfandflaschen suchen, nähert sich der weltberühmten Kathedrale ein unauffälliger Mann auf einem Fahrrad. Handschuhe, dunkler Mantel, sehr kurzes Haar, Brille. Das Rad kettet er an einen Lampenmast, holt einen dicken Schlüsselbund heraus, geht zum Dom und betritt ihn durch eine Seitentür. Dort stehen Container herum („Das ist der Müll vom Dom“, sagt er), doch bevor wir Verwunderung über die kleine Deponie äußern können, sind wir auch schon im Inneren des Bauwerks.

Es ist überraschend hell hier, die Domschweizer holen nachts nach, was ihnen am Tage wegen des Publikumsverkehrs zu tun nicht möglich ist. Zum Beispiel: „Jährlich brennen hier 1,2 Millionen Kerzen, die Reste müssen abgekratzt und irgendwie entsorgt werden“, erklärt der Mann. Dann weist er uns eine bestimmte Bank zu, verabschiedet sich für einige Minuten, entschwindet in einer Ecke. Erst einmal passiert gar nichts – bis von ganz fern, gleichsam vom Himmel, die Melodie des Adventsliedes „Es kommt ein Schiff geladen“ ertönt. Erst wirkt sie unschuldig, dann wird sie mit immer aparteren Harmonien gefüttert, bis sie von links und von rechts in überwältigenden Entladungen über uns zusammenstürzt. Es sind Klänge der Orgel; und der Mann, der sie spielt, ist ihr ergebenster Diener und Oberbefehlshaber in einem: Winfried Bönig, Domorganist.

Das mit der Domorgel ist nur die halbe Wahrheit. Wie es sich für den Kölner…

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24.12.2015