Lesezeit 5 Min
Gesellschaft

Alles Lüge

Während die Lüge zum politischen Schraubenschlüssel erwächst, ringt eine Gesellschaft mit ihrem Verhältnis zur Wahrheit. Das Vertrauen verliert an Klebkraft.

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von
Henning Rasche
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Gesellschaft

Es ist ein Dienstagabend, das Telefon klingelt. Thomas, mein guter Kumpel, bittet mich um einen Gefallen, wie er sagt. Wenn seine Frau bei mir anruft, soll ich sagen, dass wir am Wochenende gemeinsam beim Fußball waren. Wir hätten eine Bratwurst gegessen und zwei, drei Biere getrunken und Zeugs gequatscht. Mehr nicht. Es war ein Testspiel, sagt Thomas, weil – so weit hat er gedacht – die Saison gerade eigentlich eine Pause macht.

Ich ringe also mit mir, weiß nicht recht, wie ich auf sein Anliegen reagieren soll. Er ist ein Freund, und Freunden hilft man natürlich. Aber wir waren nie bei diesem Fußballspiel, haben keine Bratwurst gegessen und kein Bier getrunken, ja, wir haben uns nicht einmal gesehen. Thomas war, so viel weiß ich, bei einer anderen Frau. Warum er bei ihr war, ist mir nicht ganz klar. Er weicht der Erklärung verlegen aus. Thomas fleht mich bloß an zu lügen.

Die Lüge, so heißt es jetzt oft, ist auf dem bedingungslosen Vormarsch. Die Wahrheit hingegen verwässert. Ein Mann, der den Klimawandel leugnet, wird Präsident der Vereinigten Staaten. Ein Staat verlässt die Europäische Union, auch weil die Befürworter dieses Schrittes dem Volk vorab Märchen erzählen. Menschen gehen in Deutschland auf die Straße, weil sie glauben, dass ein Kartell aus Politik und Medien die Wahrheit um die wirkliche Wahrheit bereinigt.

Dabei ist die Lüge so alt. Sie ist sogar älter als der Mensch. Die Natur hat uns schon viel häufiger ausgetrickst als wir…

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21.01.2017