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Wissen

Distanz und Nähe

Warum wir lieben, wie wir lieben – und was wir daran ändern können

Anetlanda / shutterstock.com
von
Janneke Gieles
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Wer seinen Beziehungsstil kennt, dem wird vieles klar: Etwa, warum er sich immer in den Falschen verknallt. Oder an jedem Partner irgendwann nur noch herumnörgelt. Drei Bindungstypen – und wie sie trotz aller Unterschiede miteinander glücklich werden

Julia war immer eine starke, souveräne Frau, mit der ich viel lachen konnte. Bis sie Mark kennenlernte. Anfangs überschüttete er sie mit Aufmerksamkeit. Aber je länger sie zusammen waren und je verliebter Julia wurde, desto mehr widersprüchliche Signale kamen von ihm. Manchmal schien ihre Beziehung perfekt und er sprach vom Zusammenziehen, dann wieder ließ er eine Woche nichts von sich hören, einfach so, oder er krittelte nur an Julia herum. Mehr und mehr drehte sich ihr Leben um Mark. Trafen wir uns, redete sie nur noch von ihm. Was war mit meiner fröhlichen, lebenslustigen Freundin passiert, wann war sie zu diesem neurotischen, grübelnden Wrack geworden? Und warum hielt Mark sie auf Abstand, obwohl er unübersehbar Gefühle für sie hatte?

Ganze Abende verbrachten wir damit, über diese Art von Liebesmysterien zu reden. Wie kommt es, dass wir total auf jemanden fliegen, aber nach einiger Zeit unser Interesse abkühlt und wir nur noch nervige Eigenschaften an ihm sehen? Dass wir unsere eigenen Interessen für einen Menschen komplett zurückstellen, obwohl wir doch selbstsichere Erwachsene sind, die mitten im Leben stehen? Und warum verliebt sich so mancher immer in den Falschen? Doch: Das sind nur auf den ersten Blick unlösbare Fragen. Denn es gibt eine logische Erklärung für unser verrücktes Verhalten in Sachen Liebe: die Theorie der Bindungsstile als Erwachsene.

„Das ist die umfassendste Theorie zum Verständnis von Beziehungsproblemen, die es gibt“, sagt die Sexologin Rika Ponnet und klingt dabei richtig begeistert. Als Miteigentümerin einer Partnervermittlung beobachtet sie seit zwei Jahrzehnten aus erster Reihe die Anbahnung neuer Liebesbeziehungen. „Oft höre ich: Ich bin immer noch allein, ich verliebe mich stets in den Falschen. Obwohl das meist intelligente Menschen sind, die sich selbst gut kennen. Aber schaue ich mir ihren Bindungsstil an, wird ihr Verhalten sofort verständlich.“

Fürsorglich und Liebevoll

Das Bedürfnis nach engen Beziehungen sei tief in unseren Genen verwurzelt, sagen der…

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Nr. 3/2016