Lesezeit 8 Min
Fernweh

Seelenschau auf See

Kreuzfahrten boomen. Kein Jahr vergeht, ohne dass neue Rekorde verbucht werden. Immer mehr Passagiere, immer größere Schiffe – was ist es, das die Menschen auf die Meere treibt?

atm2003/shutterstock.com
von
Zora del Buono
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Fernweh

Sie sind das, was man gemeinhin eine „Ehrliche Haut“ nennt? Ehrlich auch gegenüber sich selbst? Gar gewillt, den eigenen Charakter zu inspizieren, das Innerste nach außen zu kehren? Sie sind bereit für eine Selbstbetrachtung? Sehr löblich. Dann buchen Sie eine Kreuzfahrt, schauen Sie auf den Horizont, und nach 9,6 Tagen auf See wissen Sie alles über sich, oder zumindest fast alles. Und dies zu einem Preis von 1913 Euro. Eine Psychoanalyse kann nicht günstiger sein.

Aber bevor wir uns Ihrer Seele zuwenden, wollen wir uns ein wenig den schönen Künsten widmen und einer Arie lauschen: Leb wohl, o Erde, o du Tal der Tränen, verwandelt ward der Freudentraum in Leid; es schließt der Himmel seine Pforten auf, und unser Sehnen schwinget sich empor zum Licht der Ewigkeit. Die da singen, sind das Liebespaar Aida und Radames aus Giuseppe Verdis Oper, und was klingt, als ob sie an der Reling eines Schiffes stünden, das gleich in See sticht, ist das Sterbelied des eingekerkerten Paares. Was der Abschied vom Leben einer versklavten Prinzessin namens Aida im Land der Pharaonen mit moderner Kreuzfahrt zu tun hat? Nicht viel. Und doch sehr viel.

Mit dem Clubschiff „Aida“ hatte in Deutschland eine neue Phase der Kreuzfahrt begonnen, eine andere Klientel als die bislang vorhandene wurde angesprochen. Reichtum und Alter waren nicht mehr unabdingbare Voraussetzungen für diese Art des Reisens, wie man sie traditionell zum Beispiel auf Schiffen von Reedereien wie…

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No. 60 - Feb./März 2007