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Technik

Sea Defense

Mit mächtigen Barrikaden kämpfen wir gegen die Erosion der Küsten. Doch das Meer ist stärker als alle Bollwerke. Es nimmt sich Land, aber es schenkt uns auch Land. Wir müssen nur verstehen: wie und wo?

Doin Oakenhelm /shutterstock.com
von
Olaf Kanter
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Technik

Sisyphos stemmt längst keine Felsbrocken mehr, er fährt heute Lastwagen, und zwar im südenglischen Dungeness. Dort ragt ein Landzipfel, ganz aus Kieselsteinen, gen Osten in den Ärmelkanal hinaus. Die Wellen kommen hier vorwiegend aus Südwest, und die Einheimischen schwören, dass man hören kann, wie die Kiesel rumpelnd nach Osten rollen, bis die Strömung sie auf der anderen Seite der Halbinsel wieder freigibt. Das wäre nicht der Erwähnung wert, stünde auf besagtem Landzipfel nicht ausgerechnet ein Atomkraftwerk, das bei fortgesetztem Kieselverlust in Gefahr geriete, über- oder unterspült zu werden. Auf tritt Sisyphos: Im Osten baggert er den angeschwemmten Kies auf seinen Lastwagen, fährt ihn dann auf die andere Seite der Landspitze, um ihn dort in die Lücke zu kippen, die das Meer gerissen hat. Die Wellen rauben den Kies, Sisyphos fängt ihn am Oststrand wieder ein und so weiter. 30000 Kubikmeter Geröll bleiben so für immer in Bewegung. 

Küstenerosion heißt der Uferfraß bei Fachleuten, in den Medien firmiert er, Abteilung „Vermischtes“, meist als Naturkatastrophe: hier die Villa in Florida, die gerade von Wellen zerlegt wurde; dort die Grabsteine auf dem dänischen Friedhof, die mit der unterhöhlten Steilküste abstürzten – Küstenerosion. Doch das Wort von der Katastrophe führt in die Irre, wie das Beispiel Dungeness demonstriert. Erosion ist nicht das unvorhersehbare, furchtbare Unglück, sondern im Gegenteil der Alltag, ein natürlicher Prozess, so alt wie die...

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No. 54 - Feb./März 2006