Lesezeit 16 Min
Geschichte

Die Engel von Da Nang

Auch Deutschland war am Vietnamkrieg beteiligt. Nicht mit Soldaten, sondern mit einem schwimmenden Krankenhaus. Die Ärzte und Schwestern des Hospitalschiffs "Helgoland" retteten Tausenden Vietnamesen das Leben. Ein ZDF-Team fuhr damals mit und drehte an Bord einen schockierenden Dokumentarfilm, der Fernsehgeschichte schrieb

By manhhai (Photo by Daniel P. Cotts) [CC BY 2.0], via Wikimedia Commons
von
Jan Keith
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Geschichte

Am Abend des 13. Oktober 1970 verändert die Welt. Zumindest für diejenigen, die um 20.15 Uhr das ZDF eingeschaltet haben. Was die Zuschauer zu sehen bekommen, sind Bilder, die man eigentlich nicht ertragen kann.

"Die erschütterndsten Bilder, die wohl je an deutschen Bildschirmen zu sehen waren“

Das ZDF zeigt sie trotzdem. Kinder, verstümmelt und zerfetzt von Minen, zerschossene Gesichter ohne Mund und Nase, halb tote Körper, durchlöchert von Granaten. „Nur leichte Kämpfe im Raum Da Nang“ heißt der Dokumentarfilm von Hans-Dieter Grabe, eine Reportage über die Arbeit des deutschen Hospitalschiffs „Helgoland“ in Vietnam. Der Titel erinnert an Erich Maria Remarques Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“.

Wer den Vietnamkrieg bisher nur aus den immer gleichen Kurzberichten der Nachrichtensendungen kannte, ist nun geschockt. Noch nie hat ein deutscher Film, und das auch noch zur besten Sendezeit, so schonungslos über das unsägliche Leid der Opfer berichtet. Die minutenlange Großaufnahme einer Oberschenkelamputation, die bildschirmfüllende Einstellung des Jungen, dessen Arme und Beine abgerissen wurden – diese „erschütterndsten Bilder, die wohl je an deutschen Bildschirmen zu sehen waren“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ in ihrem „Streiflicht“ schreibt, kommen zu einer Zeit, als der Krieg in Südostasien aus Mangel an spektakulären Neuigkeiten nur noch in den hinteren Zeitungsseiten stattfindet, wenn überhaupt.

Nach der Ausstrahlung erhält der Filmemacher Anrufe von wildfremden Menschen, die ihm gratulieren. Aufgewühlte Kollegen sprechen ihn an, um das gerade Gesehene zu verarbeiten. Die Frau des Bundespräsidenten ruft aufgrund des Filmes sogar eine Initiative gegen Landminen ins Leben. In jenem Herbst 1970 scheint der Vietnamkrieg auf einmal wieder ganz nah zu sein, zurück in den Wohnzimmern und Köpfen der Deutschen.

„Genau das wollte ich erreichen.“ 41 Jahre nach der Erstsendung seines Filmes sitzt er nun da, Hans-Dieter Grabe, in einem fensterlosen...

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No. 86, Juni/Juli 2011