Lesezeit 30 Min
Gesellschaft

Es gibt mich nicht

Gehen Sie nicht in die Präsidentinnensuite. Ziehen Sie keinen Schlafanzug an. Aber folgen Sie Markus Orths dennoch direkt an einen Nicht-Ort nicht nur für Nicht-Menschen sondern auch für Nicht-Dinge und Nicht-Kunstwerke. In diesem Nicht-Raum zieht ein Gast ein, von dem wir gar nicht wissen, ob es ihn eigentlich gibt.

STEPHANIE WUNDERLICH
von
Markus Orths
Lesezeit 30 Min
Gesellschaft

Markus Orths

1969 in Viersen geboren, studierte Philosophie, Romanistik und Anglistik in Freiburg. 2014 erschien sein zehntes Buch bei Schöffling & Co.: „Alpha & Omega. Apokalypse für Anfänger.“ 2015 kam die Romanverfilmung „Das Zimmermädchen Lynn“ in die Kinos. Neben Hörspielen und Theaterstücken schreibt er auch Kinderbücher, zuletzt „Billy Backe aus Walle Wacke“ und „Das Zebra unterm Bett“.

Noch ehe die Frau an der Rezeption etwas hätte sagen, mich also beispielsweise hätte willkommen heißen oder eine Frage nach der Art und Weise meiner Anreise hätte stellen können, platzte es förmlich aus mir heraus, aus mir, sage ich, der ich vollkommen spontan und einem heftigen Impuls folgend die lange Fahrt in den Spreewald auf mich genommen hatte, ohne mir die Zeit zu nehmen, vor Antritt der Reise im Hotel anzurufen und, wie es gemeinhin üblich gewesen wäre, ein Zimmer zu reservieren, aber ich wollte auch kein Zimmer, nein, ich wollte ganz und gar kein Zimmer, ich wollte etwas anderes (ja, ich war, zu Hause, am Computer sitzend, ziellos durchs Netz schlendernd, nur durch einen Zufall auf jenes Hotel gestoßen, in dem ich jetzt stand, und als ich im Netz die Beschreibung der Präsidentinnensuite gelesen hatte (jene zwei Zeilen also, die ich als den entscheidenden Impuls bezeichnet habe, überhaupt aufzubrechen), war ich von meinem Sessel geschnellt, hatte die Jacke geschnappt und meinen Geldbeutel, war sofort in ein Taxi und vom Taxi in den Zug und vom Bahnhof Vetschau in den Bus gesprungen, nach Burg, um schnellstmöglich hierher zu gelangen), und so platzte es im Angesicht der Rezeptionistin aus mir heraus: Ob die Präsidentinnensuite frei sei? Noch ehe die Rezeptionistin eine Antwort hätte geben können, fügte ich meiner wie Winterluft aus den Lippen gestoßenen Frage die Worte hinzu, ich sei eigens gekommen, um in eben dieser Präsidentinnensuite zu wohnen, zu leben, zu existieren, und wenn die Präsidentinnensuite, was ich nicht hoffen wolle, belegt sei, so müssten alle erdenklichen Hebel in Bewegung gesetzt werden, jene Suite zu räumen, ich, sagte ich, würde nur und ausschließlich in der Präsidentinnensuite wohnen wollen, kein anderes Zimmer, sei es noch so prächtig oder kunstvoll, interessiere mich, und es werde in der Lobby ein Unglück geschehen, wenn sie mir nicht sofort und ohne weitere Zögerung den Schlüssel zur Präsidentinnensuite aushändige. Noch ehe die Rezeptionistin auf diese weiterhin wie im Rausch geäußerten Worte hätte reagieren können, sagte ich, mich bemühend, einen ruhigeren Ton anzuschlagen, dass die Präsidentinnensuite meine letzte Rettung sei, und dass es sich um einen Notfall handle, um eine Krise, einen Zustand unglaublicher Verlorenheit und Verdunkelung meiner Seele, welche nur und ausschließlich durch die Präsidentinnensuite kuriert werden könne. Und als ich sah, dass die Rezeptionistin mich lange anschaute, drosselte ich die Lautstärke meiner Stimme ein weiteres Mal und fragte sie, ob sie auf dem Laufenden sei, in welch außerordentlicher, unaussprechlicher Weise jene Präsidentinnensuite auf der Netz-Präsenz des Hotels angekündigt werde, aber sicher, fügte ich sogleich hinzu, das sei eine rhetorische Frage, sie arbeite ja hier, sie müsse es wissen, im Netz, sagte ich, nur um diese Sätze ein allererstes Mal für mich selbst auszusprechen und aus meinem eigenen Mund zu hören, im Netz stehe die einfache, mich und meine gesamte Existenz aus den Angeln gehoben habende Aussage, die Präsidentinnensuite sei eine Suite, die es eigentlich nicht gibt, für Gäste, die eigentlich gar nicht da sind. Genau dies, sagte ich, sei mein Wunsch: an einem Nicht-Ort zu verschwinden, einen Ort, den es eigentlich nicht gibt, und weiter, fuhr ich fort, mein Nicht-Ich, als das ich mich fühlte, an einen diesem Gefühl gemäßen Ort zu versetzen, denn seit langem quäle mich die Düsternis des Zustandes, nicht zu wissen, ob es mich überhaupt gibt, ob ich…

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No. 85