Lesezeit 16 Min
Kultur

Auf der Suche nach der entgangenen Milch

Schräge Short-Storys voll bitterbösem Zynismus, die uns diese vernichtend - moderne Welt etwas verständlicher machen könnten, wenn wir denn wollten. Gemacht aus gesprochener Sprache und aufgefüllt mit ein wenig Sprechblasen – von einer der besten Slam-Poetinnen, die unter uns spricht: Hier nun von der Bühne in ein Booklit gebracht. Und das nicht weniger wirkungsvoll.

JÖRG STEINNETZ
von
Xóchil A. Schütz
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Kultur

Xóchil A. Schütz

Geboren ist sie 1975 in Mannheim und lebt heute als Vollblutkünstlerin in Berlin. Sie ist Autorin, bekannte Slam-Poetin und weitete sogar vor Kurzem ihre Performance-Dichtung auf die musikalische Ebene aus. Halb Europa kennt sie heute schon aus Funk und Fernsehen, doch das genügt noch lange nicht.

Anna hat ein Baby bekommen, und Annas Baby darf so lange an Annas Titten hängen wie immer es will.

Ich schau mir Anna und ihr Baby an und denke: Das ist Glück.

Ich hatte nicht so Glück mit meiner Mama. Ich durfte nie an ihren Titten nuckeln, saugen und hängen, ich hab’ bloß Plastikflaschen mit angerührtem Milchpulver in mein schreiendes Maul gesteckt bekommen, und auch nur, damit ich es halte.

Vorgesehen war ich eh nicht, vorgesehen war ein Junge, und als meine Mutter das nicht hinbekommen hat mit dem Jungen, da war mein Vater sauer auf sie, und deshalb war meine Mutter sauer auf mich und hat mir das Plastikfläschchen bei erster Gelegenheit weggenommen und mir statt dessen den alten, angekauten Plastikbecher meiner Schwester vorgesetzt, die sich auch schon geweigert hatte, ein Junge zu werden.

Mit dem Tag des Plastikbechers begann meine Schule des Lernens, in der der persönlich beleidigte Vater mir all das Wissen einhämmerte, das er sich für seinen nicht geborenen Sohn angeeignet hatte. Bereits im Alter von zwei Jahren konnte ich zwischen Romanik-, Gotik- und Renaissancekirchen unterscheiden, an meinem dritten Geburtstag hielt ich ein Referat über Flügel,- und Hochaltäre im Barock, mit vier Jahren betete ich gleichzeitig das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis und die Seligpreisungen herunter, und mit fünf schrieb ich eine wissenschaftliche Arbeit über die Hauptmerkmale des Klassizismus.

Da Sex für mein späteres Leben nicht vorgesehen war, weil Sex generell nichts Richtiges war und dabei sowieso nur so etwas wie Mädchen bei rauskam, sollte ich möglichst bald ins Kloster gehen. Als meine Eltern…

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No. 28