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Kultur

„Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde…“

Ein Gespräch mit Dmitrij Belkin zum Erscheinen seines Buches

Felix Lipov / Shutterstock.com
von
Gerhard Haase-Hindenberg
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Kultur

Ein junger ukrainischer Intellektueller, väterlicherseits jüdisch, kommt 1993 als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland. Es ist nicht sein Ziel zu bleiben, sondern nach erfolgreichem Studium ins heimatliche Dnjepropetrowsk zurückzukehren und dort eine Privatuniversität zu gründen. Doch es kommt anders. Nach verschiedenen Aufnahmestationen studiert und promoviert er in Tübingen, dem folgen wissenschaftliche, museale und publizistische Tätigkeiten in Frankfurt, New York und Berlin. Eigene Erfahrungen, jüdische Verwandte und Freunde bringen ihn – der sich zwischenzeitlich in Russland taufen ließ – dem Judentum seines Vaters näher. Schließlich konvertiert er gemeinsam mit Frau und Sohn. In dem Buch „GERMANIJA – Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde“ wirft Dmitrij Belkin, der heute beim jüdischen Ernst-Ludwig-Ehrlich-Studienwerk in Berlin tätig ist, einen Blick auf die deutsche Zeitgeschichte im Spiegel einer sehr persönlichen Erzählung.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Du beschreibst, dass du in Moskau bei verschiedenen Botschaften westlicher Staaten um ein Visum nachgesucht hättest, ja selbst bei afrikanischen Studenten hattest du die Chance für eine Aufnahme in deren Heimatländern erkundet. Darf man daraus schließen, dass es dir zunächst gar nicht zwingend um eine Aufnahme in Deutschland ging?

Belkin: Es ging zunächst nicht zwingend um Deutschland. Es ging um das Bedürfnis auszureisen und um die Offenheit des Landes, das für mich immer noch UdSSR hieß und die mir temporär erschien. Die Reise nach Moskau, zu den Botschaften, war im Übrigen falsch: Ich konnte zu Beginn der 1990er Jahre, wenige Monate nach dem Zerfall der Sowjetunion, noch nicht wirklich glauben, dass die Hauptstadt meines neuen Landes nicht mehr Moskau, sondern eine andere, nämlich Kiew, ist.

Das sowjetische Reich war zusammengebrochen– was war dein Hauptmotiv für die Ausreise aus der Ukraine?

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Nr. 9/2016