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Gesellschaft

Wer definiert „Hass“?

Volker Kauders Ruf nach Internet-Anstandsregeln ist ohne eine Beschneidung der Meinungsfreiheit nicht umsetzbar

Syda Productions / Shutterstock.com
von
Roger Letsch
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Gesellschaft

Wenn ich morgens beim ersten Kaffee meine Mails lese und erfahre, ich sei ein unerträglicher „Linksintellektueller Rechtspopulist“ (wörtlich) und hätte sowieso keine Ahnung von gar nichts und solle mich verdammt noch mal schämen oder besser gleich erschießen, schwindet meine Aufmerksamkeit sehr schnell. Persönliche Angriffe auf diesem Niveau bringen mich weder dazu, meine Meinung zu ändern, noch empört zu antworten. Das ignoriere ich und denke höchstens kurz „Was für ein Vollidiot“.

Es ist davon auszugehen, dass Politiker, die schon von Berufs wegen ein dickeres Fell haben sollten, welches ihnen im Laufe ihrer durchschnittlich langen Parteikarriere schon ordentlich gegerbt wurde, ebenso denken. Frau Merkel wird mit den meisten Beschimpfungen sicherlich nicht einmal persönlich konfrontiert, weil Sicherheitsdienst und Pressereferent das Schlimmste wegfiltern. Beschimpfungen, die persönlich und verbal sogar gewalttätig werden, kann sie also getrost ignorieren und das tut sie ja auch. Werden sie schlimmer oder verlassen sogar die verbale Ebene, kümmert sich die Polizei oder der Verfassungsschutz um die Wütenden. So wird aus Protest und Ohnmacht auf der einen Seite Strafrecht und Staatsmacht, und je dunkler diese Seite durch ihren Hass erscheint, umso heller und marginaler erscheint ein Rechtsbruch auf der anderen Seite. Meine Großmutter würde es kürzer sagen: „Wer schreit, hat unrecht“. Eine Maxime, die zwar falsch ist, das friedliche Zusammenleben in Familien oder…

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Nr. 12/2016