Lesezeit 15 Min
Gesellschaft

Eine Halbjahresbilanz im Asylbewerberheim

Weder Sozialromantik noch Hass – eher Sisiphos

Jazzmany / Shutterstock.com
von
Eva Quistorp
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Gesellschaft

Inzwischen habe ich in den 6 Monaten im Asylbewerberheim, seit Merkels großem Mantra „Wir schaffen das“, wie Hunderttausende andere Ehrenamtliche auch mit vielen Asylbewerbern den Sommer, den Herbst, den Winter und die fünfte Jahreszeit, den Fasching erlebt. Unzählige Talkshows zum Thema liefen seitdem im Fernsehen.

Von den etwa 1.300 Asylbewerbern in „meinem“ Heim grüßen mich wohl um die 150, davon 40 Kinder, was mich jedes Mal freut. Um die 50 Asylbewerber habe ich näher kennengelernt, habe mit ihnen Tee getrunken, auf der Bank im Hof gesessen, Musik oder „Allah Akbar“-Rufe aus ihren Handys gehört. Ich habe mit ihnen in der Kantine gegessen, ihnen guten Appetit gewünscht, obwohl gutes Gemüse und Würze, ausreichend Abwechslung beim Essen, fehlt, und /furchtbar viel weggeschmissen wird.

Sie freuen sich alle, wenn sie mich auf der Straße oder in der U-Bahn wiedererkennen. Das irritiert eine alte Westberlinerin, denn so herzlich, so sanft und höflich wurde ich sonst selten in der anonymen U-Bahn-Szene begrüßt. Ich habe den Eindruck, dass ich langsam die Macken, die Blickwinkel eines Kriegsreporters oder von „Ärzten ohne Grenzen“ teile. Ich passe nicht mehr in das High Society- oder Subkultur-Berliner-Leben mit der Berlinale, den Partys, den Events,den Konferenzen, den Yogakursen und Lifestyle-Sorgen.

Gestern guckte ich, als ich zum Thema „Fluchtursachen bekämpfen“ mal wieder im Bundestag war, sofort auf die Frau mit dem Putzwagen. Denn sie war die und das Einzige, was mich mit meinen Erfahrungen im Heim verband. Als ich unter Vollmondschein die Spree entlang nach Hause ging, wunderte ich mich, keine Männergruppen zu sehen. Ich er wischte mich bei dem Gedanken, dass es doch schön sei noch mal so wie früher ganz allein auf der Straße zu gehen und wie einst an Frieden zu glauben. Dass einiges noch wie früher schien, sich doch nicht alles geändert hat, wirkte beruhigend auf mich.

Hatte doch Frau Göring-Eckhardt im September großspurig angekündigt, dieses Land…

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Nr. 4/2016