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Philosophie

Zurück zur Natur?

Alle Welt scheint sich heute nach mehr Naturverbundenheit zu sehnen. Gegen die moderne Technik hingegen gibt es ein tiefes Misstrauen. Doch wie sinnvoll ist es, die Natur zu verklären? Und worum geht es wirklich beim Wunsch, zu den Wurzeln zurückzukehren?

Quick Shot/shutterstock.com
von
Greta Lührs
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Philosophie

Natur ist in. Landleben, Bio, Naturbelassenheit und Nachhaltigkeit werden nicht mehr mit dem zotteligen Öko-Freak in Verbindung gebracht, sondern stehen für einen modernen, umsichtigen Lifestyle. Ferien im Grünen sind angesagt, Outdoor-Sportarten boomen, ein grünes, naturverbundenes Image gehört für ein erfolgreiches Unternehmen zum guten Ton. Auf der anderen Seite erleben wir einen rasanten Fortschritt in Wissenschaft und Technik, der uns immer weiter von der Natur zu entfernen scheint. Jeder möchte natürlich sein, dennoch tun wir alles dafür, den Lauf der Natur zu beeinflussen, ihn aufzuhalten. Doch was ist Natur überhaupt? Oder anders gefragt: Was ist nicht natürlich? Und ist das Natürliche auch automatisch gut?

Natur bezeichnet klassischerweise einen Zustand, der weitgehend unverändert gewachsen und ursprünglich ist. Im Gegensatz dazu versteht man unter »Kultur« all das, was der Mensch innerhalb der natürlichen Gegebenheiten verändert oder beeinflusst. Aristoteles zum Beispiel unterschied rein natürliche Dinge wie Steine, Bäume und dergleichen von Artefakten. Als Artefakte gelten Gegenstände, die der Mensch selbst erschafft und für seine Zwecke gebraucht. Während Naturdinge sich selbsttätig verändern, werden Artefakte durch menschlichen Einfluss verändert.

Allerdings werden bereits bei dieser banalen Einteilung Hindernisse sichtbar: Ein Ast, der auf dem Waldboden liegt, ist ein Naturding. Sobald ein Mensch damit sein Getreide zerstampft, wird er zum Artefakt, zum technischen Gerät – auch wenn sich der Ast überhaupt nicht verändert hat. Durch die Benutzung als Werkzeug verändert sich auch die Bedeutung des Astes, er wird Teil der materiellen Kultur. Dieses einfache Beispiel illustriert die Vagheit, die jedem Versuch einer Differenzierung von Natur und Kultur zwangsläufig innewohnt. Die Grenzen zwischen den Begriffen verschwimmen, je mehr man sie zu ziehen versucht.

Ein anderer Aspekt des Naturbegriffs ist die Einfachheit. Das Natürliche ist das, dem nichts hinzugefügt wird – das eben so ist, wie es ist....

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Nr. 3/2014