Lesezeit 13 Min
Philosophie

Wir sind viele

Ein geheimnisvolles Band hält uns zusammen – immer wieder und immer wieder neu. Dabei besteht es bloß aus drei Buchstaben: wir. Wie kann das sein? Was ist das Wir für ein Ding? Wie kommt es zu dieser Verbundenheit – selbst unter Unbekannten? Und wann ist ein Wir ein gutes Wir?

Rawpixel.com / shutterstock.com
von
Thomas Vašek
und
Tobias Hürter
Lesezeit 13 Min
Philosophie

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem voll besetzten Zugabteil, zusammen mit wildfremden Menschen. Mitten auf der Strecke bleibt der Zug stehen, es gibt keine Durchsagen, keiner weiß, wann es weitergeht. Unter Ihren Mitreisenden entsteht Unmut, man tauscht genervte Blicke aus, kommt miteinander ins Gespräch. Jemand sagt: »Nun warten wir schon seit einer halben Stunde. Das können die mit uns doch nicht machen.« Doch: Wer ist hier »wir«? Und was heißt da »uns«? Es ist eine ganz alltägliche Situation. Dabei ist etwas Wundersames passiert: Ein »Wir« hat sich gebildet, zwischen Menschen, die einander noch nie gesehen haben. Natürlich ist dieses »Wir« flüchtig, spätestens beim Aussteigen löst es sich wieder auf, jeder geht seiner eigenen Wege. Und doch bleibt die Sache rätselhaft. Für eine kurze Zeit ist ein magisches Band zwischen Fremden entstanden, ein temporärer Zusammenhalt, eine Art von Solidarität.

Das Wort »wir« gebrauchen wir in allen möglichen Zusammenhängen. Oft verwenden wir es als Personalpronomen, manchmal aber auch als Substantiv. »Wir« sind ein Paar. »Wir« sind eine Familie. »Wir« arbeiten zusammen. »Wir« Journalisten, wir Männer, wir Deutschen. Wir Menschen. Wir sprechen von einem »Wir-Gefühl«. Oder einfach nur von einem Wir. Aber was genau ist dieses Wir? Wie entsteht es? Und wer gehört dazu?

Das Pronomen »wir« bezeichnet laut Duden einen Kreis von Personen, zu dem man selbst gehört. Aber das sagt uns noch nicht viel. Schließlich fragt sich, was es heißt, zu einem solchen Kreis zu gehören – und wie sich dieser Kreis abgrenzt gegen all jene, die sich außerhalb des Kreises befinden. Schon die Sprache kann uns dabei leicht in die Irre führen. Dass ich »wir« sage, wenn ich einen bestimmten Kreis von Menschen inklusive mich selbst meine, heißt noch nicht, dass es ein Wir gibt. Womöglich ist es…

Jetzt weiterlesen für 0,52 €
Nr. 5/2016