Lesezeit 14 Min
Philosophie

Wie schön, dass ich geboren bin!

»Liebe dich selbst, und alles wird gut« – diese Botschaft verbreitet die Ratgeberliteratur heute gern. Was aber ist »Selbstliebe«? Was unterscheidet sie von Selbstsucht? Was, wenn die allgemeinen Ratschläge zur Selbstliebe gar keine sind? Und vor allem: Liebe ich mich? Eine Selbstbefragung.

Aki Tolentino / unsplash.com
von
Greta Lührs
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Philosophie

Wir stehen in der Umkleidekabine, und meine Freundin bewundert sich selbst im Spiegel. Bewundert – ja wirklich! »Ich sehe so gut aus heute«, sagt sie, während sie sich selbst anlächelt. Meine erste Reaktion: wow! Das hört man nicht oft. Und gleichzeitig muss ich anerkennend nicken. Ich freue mich für sie. Und das sage ich ihr auch. »Ich habe da einfach Glück, ich fand mich selbst insgesamt schon immer richtig toll«, sagt sie, als wir uns auf den Heimweg machen. Und ich fange an, mich zu fragen: Darf man das, sich selbst lieben? Sollte man es vielleicht sogar viel mehr, wie es uns Lebensratgeber und die Yogalehrerin nahelegen? Und warum fühlt es sich zugleich unbehaglich an zu sagen, man liebe sich selbst?

Was bedeutet »Selbstliebe« überhaupt? Der Duden bietet mir eine fast tautologische Definition an: Selbstliebe sei die egozentrische Liebe zur eigenen Person.

Egozentrisch, das beinhaltet bereits eine Wertung: Man stellt sich selbst in den Mittelpunkt und nicht seine Mitmenschen. Dabei heißt es doch in der Bibel, man solle seinen Nächsten lieben »wie sich selbst« – dort wird eine grundsätzliche Selbstliebe also nicht nur als natürliche Anlage vorausgesetzt, sondern dient sogar als Prüfstein für die Liebe zu anderen.

Für mich heißt Selbstliebe im alltäglichen Gebrauch, dass ich mit mir selbst eher zufrieden bin als unzufrieden. Dass ich mich selbst annehme und nicht ablehne. Dass ich mich als Person vor Augen habe und sage: Ja, passt! Aber ebenso bedeutet es, dass ich mich um mich selbst kümmere, so wie ich mich um andere geliebte Personen kümmere. Selbstsorge, das meinte schon Platon, ist unmittelbar mit Selbstliebe verknüpft. Ich kann mich nicht lieben und dabei wie den letzten Dreck behandeln.

Liebe ich mich selbst? Schwer zu sagen. Es ist ungewohnt, das auszusprechen, und fühlt sich fast nach etwas Verbotenem an. Ich mag manche Dinge mehr und manche weniger an mir, so wie es vermutlich den meisten geht…

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Nr. 3/2017