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Philosophie

Was die Welt zusammenhält

Man kann sie als naiv abtun, als Mystiker, Esoteriker oder Gurus. Aber das sollte man nicht. Denn die Vorsokratiker brachten auf der Suche nach einem alles durchdringenden Prinzip ein neues Denken in die Welt.

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von
Thomas Vašek
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Was die Welt zusammenhält von Thomas Vašek

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Der eine fiel in einen Brunnen, als er die Sterne betrachtete, von einem anderen heißt es, er habe Giftschlangen den Kopf abgebissen. Und dann gab es noch jenen, der in einen Vulkan sprang, um seine Unsterblichkeit zu beweisen. Von den frühen griechischen Philosophen erzählte man sich schon in der Antike wundersame Geschichten. Unter ihnen waren Natur forscher und Kosmologen wie Thales von Milet, Anaximander oder Demokrit, systematische Philosophen wie Heraklit und Parmenides, aber auch Mystiker wie Pythagoras und Empedokles. Und im weiteren Sinne zählten dazu auch die Sophisten, die später zu Unrecht als bloße Rhetoriker und Wortklauber betrachtet wurden.

Was die »vorsokratischen« Philosophen trotz aller Unterschiede einte, war eine neue Art zu denken. Sie verließen sich nicht länger auf die alten Mythen, wonach die Götter den Lauf der Welt bestimmten. Als Erste versuchten sie, die Naturvorgänge aus sich selbst zu erklären. Die spätere dualistische Trennung zwischen Geist und Materie war den frühen griechischen Philosophen dabei fremd. Auch die Seele war für sie ein Naturphänomen, das sie aus dem gleichen Urprinzip zu erklären versuchten wie alles andere auch.

Im Vergleich zu den klassischen griechischen Philosophen – zu Sokrates, Platon, Aristoteles – wirkt das Denken der Vorsokratiker heute oft naiv. Doch mit ihren Fragen und Problemstellungen legten sie den Grundstein für die gesamte westliche Philosophie, von der Ontologie bis zur Ethik und Erkenntnistheorie. Und manche ihrer kosmologischen Spekulationen gewannen sogar neue Aktualität in der modernen Physik.

Thales von Milet (ca. 624 – 547 v. Chr.) war Mathematiker und Astronom; unter anderem sagte er eine Sonnenfinsternis korrekt voraus. Aufgrund seiner Verdienste zählte man ihn später zu den »sieben Weisen Griechenlands«. Anekdoten beschreiben ihn als den Prototyp des weltfremden Philosophen. Eine thrakische Magd soll ihn einmal verspottet haben, weil er bei einer astronomischen Beobachtung in einen Brunnen gefallen sei. Ganz so weltfremd dürfte aber auch Thales nicht gewesen sein. Dank seiner wissenschaftlichen Kenntnisse sagte er angeblich einst eine reiche Olivenernte voraus – und kaufte alle Ölmühlen auf, die er bekommen konnte.

»Alles ist voll von Göttern.«

Thales von Milet

Thales hielt das Wasser für den Anfang aller Dinge. Er behauptete sogar, die Erde schwimme auf Wasser. Vermutlich stützte er sich dabei auf meteorologische Beobachtungen, Genaueres weiß man nicht. Entscheidend ist, dass er die natürlichen Phänomene nicht auf das Wirken der…

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Nr. 3/2016