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Gesellschaft

Wahrhaftigkeit in Zeiten von Facebook

So genau wie Kant nimmt es mit der Wahrheit wohl niemand. Man dürfe nicht lügen, dachte dieser, sonst achte man weder sich noch andere. Im Netz ist davon jedoch wenig zu spüren. Da wird inszeniert, geschwindelt, geschummelt. Ein guter Anlass, über Wahrhaftigkeit nachzudenken.

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von
Greta Lührs
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Gesellschaft

Haben Sie sich auch woanders beworben? Ja, natürlich. Äh, nein – keineswegs. Wie lautete die richtige Antwort noch gleich? Vorstellungsgespräche gehören zu den Situationen, in denen wir uns gern vor der Wahrheit drücken. Ähnlich ist es nicht selten im Freundeskreis, in der Beziehung oder im aufgesetzt höflichen Umgang mit Fremden. Wie geht’s? Danke, gut. Ja, ja. Mit der Wahrheit nehmen wir es oft nicht so genau. Und meist finden wir das auch nicht weiter schlimm. Wir haben uns damit abgefunden, dass so vieles im Leben ein Schwindel ist. Denken wir nur ans Internet. Da wird aufpoliert, inszeniert und vorgegaukelt – und alle scheinen das zu akzeptieren. Dennoch soll dieser Text von der Tugend der Wahrhaftigkeit handeln und davon, warum wir uns diesem scheinbar aus der Zeit gefallenen Begriff wieder annähern sollten. Denn es geht bei der Wahrhaftigkeit um viel mehr als ein striktes Lügenverbot oder das Halten von Versprechen. Es geht um unsere Verantwortung für unsere Überzeugungen, um eine Haltung, die nach der Wahrheit strebt, wohl wissend, dass es die eine Wahrheit nicht gibt.

Behauptungen können wahr oder falsch sein, aber nicht wahrhaftig; das können nur Personen. Mit Wahrhaftigkeit hat man somit mehr in der Ethik oder der Phänomenologie zu tun als in der Erkenntnistheorie oder Logik. Wahrhaftigkeit ist zunächst das Streben nach Wahrheit. Es geht also darum, zu möglichst wahren Überzeugungen zu gelangen – und diese Überzeugungen auch in seinen Aussagen auszudrücken, also nicht zu lügen. »Wahrhaftig« ist demnach also, so könnten wir vorläufig definieren, wer bemüht ist, stets…

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Nr. 4/2016